#Presidentielle2017: Digitale Innovationen im französischen Präsidentschaftswahlkampf

Auch wenn momentan die Abgesänge auf Frankreich und insbesondere die französische Wirtschaft Konjunktur haben: In der Vergangenheit war „La Grande Nation" auf dem Gebiet des technischen Fortschritts häufig Vorreiter – man denke nur an den Hochgeschwindigkeitszug TGV oder die Concorde. Beides liegt zwar schon länger zurück, aber im diesjährigen Präsidentschaftswahlkampf warten die Kandidaten mit einigen interessanten digitalen Innovationen auf, die es sich auch hierzulande genauer anzuschauen lohnt.

 

Jean-Luc Mélenchon: Lernen von Bernie Sanders und Star Wars

Jean-Luc Mélenchon ist immer für eine Überraschung gut. Das gilt weniger für sein Programm, denn hier recycelt der Kandidat der radikalen Linken viele seiner Forderungen aus seiner Präsidentschaftskandidatur im Jahr 2012. Umso mehr jedoch lohnt sich der Blick auf die Kampagne des 65-Jährigen, die vor allem auf den Einsatz digitaler  Elemente setzt. Vorbild ist dabei die Kampagne von Bernie Sanders #FeelTheBern; nicht zufällig hat Mélenchons Kampagnenleiterin Sophia Chikirou Sanders in dessen Wahlkampf vier Monate lang begleitet.

Das Ergebnis ist eine Wahlkampfstrategie, die sich durch gezieltes Bespielen aller relevanten Social Media-Plattformen, aussagekräftiger Hashtags und die Verwendung von kreativen Memes auszeichnet und sich vorwiegend an junge und politikferne Wähler richtet. So wendet sich Mélenchon auf seinem Youtube-Channel jede Woche mit einem Wochenrückblick an seine rund 275.000 Abonnenten, jagt als Pixelhaufen im Browsergame „Fiscal Kombat" Steuerhinterzieher und erlaubte sich einen gelungenen Aprilscherz, als er ankündigte, demnächst eine Veranstaltung auf Minecraft abzuhalten. Dadurch gelingt es dem Kandidaten, der ähnlich wie Sanders auch mit einem erstaunlichen rhetorischen Talent gesegnet ist, sich wie sein amerikanisches Vorbild ein Image als unverbrauchter und medienaffiner Kandidat aufzubauen.

Am meisten Aufmerksamkeit in der französischen (und ausländischen) Presse erregte Mélenchon aber am 5. Februar, als er zeitgleich in Lyon und im rund 450 Kilometer entfernten Paris bei einer Wahlkampfveranstaltung auftrat. Möglich wurde dies durch eine  spezielle 3D-Spiegelungstechnik, bei der der Kandidat als Hologramm projiziert wurde. Schätzungen zufolge kostet eine solche Technik, die im Falle Mélenchons von der Agentur Adrénaline Studio zur Verfügung gestellt wurde, zwischen 50.000 und 100.000 Euro.

 

Le Pen setzt auf Augmented Reality, Fillon auf Gamification

Auch die übrigen Kandidaten sind natürlich auf den wichtigsten Social Media-Kanälen (réseaux sociaux auf Französisch) präsent, ohne die heutzutage kaum eine politische Kampagne mehr auskommt. Insbesondere Marine Le Pen, Kandidatin des rechtsextremen Front National, nutzt Facebook und Twitter intensiv zur Verbreitung und Zuspitzung ihrer Positionen und profitiert dabei vom Umstand, dass hier Nachrichten direkt ungefiltert und unwiderlegt an den Wähler kommuniziert werden können. Ziel sei es, so Le Pens Kampagnendirektor David Rachline, „die wahre Natur der Kandidatin zu zeigen, jenseits der [angeblichen] Karikatur in den Medien". Vorzeigeprojekt ist dabei vor allem die App „Marine Plus", die mit Augmented Reality-Effekten arbeitet. So können zum Beispiel, ähnlich wie bei einem Snapchat-Filter, Selfies  mit einem patriotischen Blau-Weiß-Rot überzogen oder Wahlplakate und Flyer des Front National per Kameraerfassung animiert werden.

Le Pen hat auch die meisten Fans bzw. Follower auf Facebook (rund 1,3 Millionen) und Twitter (ebenfalls rund 1,3 Millionen), gefolgt von Mélenchon (rund 855.000/1 Million) und François Fillon (337.000/487.000). Emmanuel Macron hat rund 631.00 Follower auf Twitter, aber „nur" rund 270.000 Facebook-Fans. Fillon verfügt seit dem 14. Februar ebenfalls über eine interessante App namens „Fillon2017", die vor allem mit vorgefertigten Statements des Kandidaten arbeitet, welche seine Anhänger bequem über die sozialen Netzwerke weiterverbreiten können. Die App arbeitet mit verschiedenen Gamification-Elementen, indem diverse  Ziele vorgegeben werden, die der Nutzer erreichen soll – etwa das besonders schnelle Posten einer neuen Botschaft oder das Erreichen von 100 Retweets.

 

 

Knockin On The Voter's Door

Ähnlich wie Kampagnenmacher in Deutschland beschäftigen sich auch die französischen Wahlkampfstrategen mit neuen Trends und Innovationen aus den USA. Das gilt vor allem für die datengestützte direkte Wähleransprache und Mobilisierung. Aber auch in Frankreich gilt: Vergleichsweise geringe Wahlkampfbudgets und restriktive Datenschutzgesetze sorgen dafür, dass an eine Kopie der im amerikanischen Wahlkampf angewandten Rezepte nicht zu denken ist.

Nichtsdestotrotz sind die meisten Bewerber um das Präsidentenamt und ihre jeweiligen Teams technologisch am Puls der Zeit. So setzte der im republikanischen Vorwahlkampf unterlegene Ex-Präsident Nicolas Sarkozy die vom französischen Startup Hatis entwickelte App „Knockin" ein, die auf Facebook und Twitter vergebene Likes mit Geodaten zusammenführt, was prompt zu einer Untersuchung  durch die französische Datenschutzbehörde CNIL führte. Jean-Luc Mélenchon, François Fillon und Außenseiter-Kandidat Jacques Cheminade nutzen außerdem die App „NationBuilder", die bereits um US-amerikanischen Wahlkampf von Trumps Mannschaft verwendet wurde.

Der unabhängige Bewerber Emmanuel Macron schließlich setzte bei seinem „Grande Marche" ebenfalls auf neue Technologien. Bei dieser zwischen Mai und Juli durchgeführten Wählerbefragung klopfte eine Armee von Freiwilligen an die Türen von zehntausenden Französinnen und Franzosen, die zuvor mittels einer von den im amerikanischen Wahlkampf geschulten Strategen Guillaume Liégey, Arthur Muller und Vincent Pons entwickelten Datenanalyse repräsentativ ausgewählt worden waren. Auf Basis der bei der Aktion gesammelten Antworten entwickelten Macron und sein Team dann ihr Wahlprogramm.

 

Digitale Werkzeuge ja, digitale Themen nein

Paradoxerweise spielt das Thema Digitalisierung im Wahlkampf selbst kaum eine Rolle. Zwar finden sich in allen Wahlprogrammen Vorschläge zu den unterschiedlichsten digitalen Themen – von der Cyberkriminalität über den Datenschutz bis zur Förderung der Startup-Szene. In den beiden TV-Debatten wurden digitale Fragestellungen jedoch nicht mit einem Wort erwähnt. Im Wahlkampf schlägt wohl eher die Stunde der Praktiker. Oder wie schon Albert Camus sagte: „Das echte Gespräch bedeutet: aus dem Ich heraustreten und an die Tür des Du klopfen."

Matthias Bunk

 

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