5 Schritte zur eigenen Graswurzelorganisation

Gerade in Zeiten, in denen zwischen Wahlsieg und -niederlage oft nur noch wenige Stimmen liegen und in denen sich über sinkende Wahlbeteiligung beklagt wird, setzen Kampagnen immer stärker auf die eigene Basis bzw. Graswurzelorganisation zur Mobilisierung. Warum? Weil es zwar anstrengend, aber wirkungsvoll ist! Zahlreiche internationale Studien, aber vor allem die Erfahrungen – häufig auf kommunaler Ebene – belegen die Wirkung persönlicher Kommunikation. Hier sind fünf Schritte, die Ihnen dabei helfen, eine erfolgreiche Graswurzelorganisation aufzubauen.

 

1)    Ziele setzen

Der erste Schritt für den Aufbau einer schlagkräftigen Graswurzelorganisation ist das Setzen von Zielen. Diese können sich auf die Zahl der Kontakte zur Überzeugung und/oder zur Mobilisierung beziehen: Wie viele Wähler wollen wir persönlich kontaktieren, um erfolgreich zu sein?
Klar: Am liebsten würden wir allen unseren potentiellen Wählern einmal persönlich die Hand schütteln. Das ist gerade mit Blick auf die begrenzte Ressource „Freiwillige" nur in wenigen Ausnahmefällen möglich. Deswegen sollte man sich ein realistisches Ziel setzen. Wie wäre es beispielsweise, mit Hilfe von Freiwilligen an alle Türen in den „X-Zahl" besten Stimmbezirken zu klopfen, um „Y-Zahl" Wahlberechtigte bzw. Wähler mit einem persönlichen Gespräch zu erreichen. Ähnlich kann man sich Ziele für Flyer-Aktionen, Stände, Nachbarschaftstreffen usw. überlegen.

 

2)    Zahl der benötigten Freiwilligen schätzen

Abhängig von den gesetzten Zielen muss man sich nun überlegen, wie viele Freiwillige man für seine Zielerreichung braucht. Jede Kampagne hat seine eigenen Erfahrungen, wie viele Haushalte man beispielsweise pro Stunde und Freiwilligen-Team schafft. Klar ist auch, dass man mehr Kontakte in weniger Zeit schafft, wenn man „nur" Flyer verteilt, statt gezielt von Tür-zu-Tür zu gehen. Für letzteres sind übrigens 20 Türen pro Stunde und Team ein guter Rundungswert.

Grundsätzlich empfiehlt es sich, in Probeläufen den organisatorischen und logistischen Aufwand von Graswurzelaktionen zu testen, um eigene Erfahrungen zu sammeln. Wenn man in der Kampagne rechtzeitig anfängt, werden sich dazu eine Reihe von Möglichkeiten bieten. Der Einsatz lohnt sich auf jeden Fall, weil man so weiß, wie lange man wofür braucht – und vor allem wie viele Freiwillige man dafür braucht.

 

3)    Verantwortung teilen und eine Vertrauensbasis schaffen

Die persönliche Kommunikation an der Graswurzel ist so erfolgreich, weil sie auf Beziehung beruht. Es entsteht eine andere Art von Glaubwürdigkeit und Vertrauen, wenn Menschen mit Menschen ungefiltert sprechen. Deswegen spielen auch Beziehungen beim Aufbau der Organisation eine zentrale Rolle. Verabschieden Sie sich also davon, dass der Kampagnenmanager hunderte Freiwillige per E-Mail aktiviert. Vielmehr sollte man analog des für Obama erfolgreichen „Schneeflocken"-Modells planen und Strukturen vor Ort aufbauen.

Im Kern geht es für Sie darum, Freiwillige zu finden, die Verantwortung für sogenannte Nachbarschaftsteams übernehmen. Das können in Parteien Ortsvorsitzende oder engagierte Partei- oder Vereinsmitglieder sein. Parteien in Deutschland haben in der Regel durch ihre Organisation bereits die notwendige Struktur vor Ort. Ziel ist es, dass Sie einen engagierten Ansprechpartner vor Ort haben, der sich an Freunde, Bekannte und Mitstreiter wendet und diese eigenverantwortlich und persönlich organisiert. Das erlaubt der Kampagne einen engen Kontakt mit den Verantwortlichen vor Ort, ohne viel Zeit und Energie in unpersönliche Kommunikation mit Freiwilligen stecken zu müssen. Zentral ist, dass die gemeinsame Basis durch persönliche Gespräche und verbindliche Zielevereinbarungen wächst. So entsteht Vertrauen und Fokus auf gemeinsame Ziele.

Hierzulande dürfte klar sein, dass das hier beschriebene Modell zumindest bei den Volksparteien vorhanden sein müsste. Das, was also in den USA mühsam aufgebaut werden muss, ist in Deutschland von der Bundes- bis zur Gemeindeebene mehr oder weniger gelebte Realität. Deswegen dürfte die größte Herausforderung darin bestehen, die Kultur so zu wandeln, dass man gemeinsam Ziele definiert und offen, vielleicht sogar selbstverständlich, Tür-zu-Tür- oder andere Aktionen macht.

 

4)    Rekrutierung von Freiwilligen durch persönliche Ansprache

Wie gesagt, persönliche Ansprache und vertrauensvolle Zusammenarbeit spielen eine wichtige Rolle. Entsprechend muss Aufwand in die Rekrutierung gesteckt werden. Am wirkungsvollsten sind Einzelgespräche, bei denen man deutlich macht, warum sich das Engagement lohnt und bei denen man nach einer konkreten Unterstützung fragt: „Kannst du nächsten Samstag, 10 Uhr xy hierbei unterstützen?" Holen Sie sich eine verbindliche Zusage und bleiben Sie dran. Konzentrieren Sie sich aber auf das Führen der Freiwilligen und die Organisation der Aktionen.
Natürlich kann man Freiwillige auch über einen Stammtisch, einem Treffen Zuhause oder einem Grillfest ansprechen. Auch wenn natürlich der soziale Aspekt beim Engagement wichtig ist, sollten Sie explizit mit dem Hinweis auf den Zweck des Treffens einladen. Reden Sie über die Kampagne und was Sie erreichen wollen. Und erzählen Sie, warum sich die anderen mit Ihnen engagieren sollen. Danach ist immer noch genug Zeit für eine Wurst.

Potentielle Freiwillige finden Sie natürlich in der Partei, in Vereinen, die ihnen nahestehen, oder schlicht und einfach im Familien- und Freundeskreis. Es lohnt sich, frühzeitig eine Liste potentieller Freiwilliger zu machen – mit Kontaktdaten versteht sich. Dann können Sie immer noch entscheiden, in welchem Forum die Rekrutierung erfolgen soll.

 

5)    Den Freiwilligen etwas zu tun geben

Wenn Sie Ihr Team gefunden haben und Ihnen die Freiwilligen konkrete Zusagen gemacht haben, sollten Sie einen ersten Testlauf durchführen. Das ist wichtig, weil nach der Zusage zur Unterstützung die Freiwilligen auch etwas zu tun haben sollten. Nichts ist demotivierender als nach einer Zusage lange nichts von einer Kampagne zu hören. Ein Testlauf können unterschiedliche Dinge sein:

 

  • Tür-zu-Tür-Besuche, um nach den wichtigsten Themen vor Ort zu fragen
  • Organisation eines Grillfests oder Nachbarschaftstreffens
  • Flyer-Aktion
  • Canvassing-Stand

 

Natürlich dient der Testlauf auch der Kommunikation – er ist also Element der Kampagne. Hauptsächlich will man jedoch wissen, wie belastbar das Unterstützernetzwerk ist: Beteiligen sich die Freiwilligen? Wie hoch ist das Engagement? Wo muss man in der Vorbereitung besser werden? Haben Materialien gefehlt? Usw.

Sie werden aber vor allem eines merken: Wie viel Spaß es macht, sich gemeinsam zu engagieren und Menschen direkt zu erreichen. Und dann ran an die Bürger!

Ralf Güldenzopf