Arbeit mit Freiwilligen - Führen und nicht nur managen!

Politische Kampagnen stützen sich häufig auf das Engagement von Freiwilligen – und sie können und sollten das auch tun.

Es ist nicht nur eine Frage der knappen Ressourcen, sondern auch ein klares Signal der Verankerung vor Ort. Allerdings stellt uns die Arbeit mit Freiwilligen und der Aufbau einer Graswurzel-Kampagne vor einige Herausforderungen – gerade wenn man selbst als Ehrenamtler dafür Verantwortung übernommen hat.

 

Führen vs. Managen

„Managest du noch oder führst du schon?" – das sollte man auch stärker in politischen Kampagnen fragen. Das, was in der Wirtschaft schon lange diskutiert und oft auch umgesetzt wird, muss auch seinen Weg ins politische Management finden. Im Kern geht es darum, wie stark sich die Führungskraft – egal ob bezahlt oder nicht – mit der Entwicklung bzw. Erreichung strategischer Ziele beschäftigt oder wie sehr sie im Klein-Klein gefangen ist.

Der Führungscoach, Bernd Geropp hat es in einem seiner empfehlenswerten Podcasts einmal so zusammengefasst: „Führen bedeutet, festlegen, wo es hingehen soll. Wenn Sie führen, beschäftigen Sie sich mit der Zukunft Ihres Unternehmens und Ihren Mitarbeitern. […] Sie sprechen mit Ihren Mitarbeitern, diskutieren, informieren und begeistern. […] Beim Managen hingegen konzentrieren Sie sich hauptsächlich auf Vorgänge, nicht auf Menschen oder die Zukunft: Es geht vielmehr um Tagesgeschäft, Verwaltung, Ressourcenzuteilung, Budgeterstellung, Kosten und Risikomanagement, Analyse und Kontrolle."

Nun ist weder was gegen Führung noch was gegen Managen zu sagen. Allerdings sollte man gerade in der Politik – dort also, wo es sehr stark um die Begeisterung für langfristige Ziele und die Zukunft geht – Menschen auch führen. Konkret bedeutet dies, dass man auf eine gute persönliche Beziehung zu den freiwilligen Unterstützern setzt, gemeinsame Ziele hat und gemeinsam Verantwortung übernimmt – gerade weil Freiwillige geführt und nicht nur gemanagt werden wollen.

 

Motivation durch Ziele und Botschaft

Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen politisch engagieren. Gerade in Kampagnen zeigt sich immer wieder, dass die Quelle für die Motivation der Freiwilligen das gemeinsame Ziel ist. Unterstützer wollen ein stückweit inspiriert werden. Deswegen spielen auch strategische Ziele und Botschaft der Kampagne zentrale Rollen. Diese sind nämlich nicht nur mit Blick auf die Wähler zu formulieren, sondern natürlich auch mit Blick auf potentielle Unterstützer. Man muss sogar noch einen Schritt weitergehen: Eine Kampagne kommuniziert mit den Wählern durch ihre Unterstützer. Den Freiwilligen kommt gerade mit Blick auf die wirkungsvolle direkte Kommunikation eine wichtige Scharnierfunktion zu. Deswegen sollten Strategie, Ziel und Botschaft in der Kampagne transparent sein.

Ob nun die persönliche Ansprache, ein Share-Pic auf Facebook, „Danke", Trainings oder Ähnliches – es gibt eine Reihe von Dingen, die getan werden können, um Unterstützer zu motivieren. Einer der wirkungsvollsten Motivatoren jedoch ist, den Unterstützern Verantwortung und somit einen Anteil an der Kampagne zu geben. Dazu gehört natürlich auch, dass alle Instrumente und Unterstützung zur Verfügung gestellt werden, die vor Ort helfen, die gemeinsamen Ziele zu erreichen. Dazu gehören möglicherweise Potentialanalysen, ausreichend Materialien, wie Flyer, Give-Aways, Anregungen für Aktionen, aber auch Trainings. Die Freiwilligen sollten also nicht allein gelassen werden – gerade wenn sie auch Verantwortung für andere Freiwillige übernehmen.

Genauso sollte man als Kampagnenverantwortlicher mit Hilfe strategischer Planung nahezu garantieren, dass die Zeit der Unterstützer zielgerichtet und effizient genutzt wird – beispielsweise indem die Unterstützer nicht mit Tür-zu-Tür-Aktionen in den Hochburgen der Anderen gequält und somit demotiviert werden. Es muss also klar sein, warum etwas gemacht wird. Und es muss Sorge getragen werden, dass dafür die Mittel zur Verfügung stehen.

 

Die optimale Teamgröße? Die glorreichen 7!

Da Verantwortung geteilt wird, verlangt eine Kampagne, die auf Freiwillige setzt, von jedem Beteiligten mehr ab: Mehr Leute sollen mehr Führungsaufgaben übernehmen. Dafür müssen auch die Strukturen geschaffen werden. Aber wie sieht das aus?

Ein zentraler Punkt für das Führen von Freiwilligen ist natürlich die Teamgröße. Man kann vielleicht 50 Leute managen, aber führen kann man sie sicher nicht. Hier muss man also klar unterscheiden, ob man beispielsweise für eine Tür-zu-Tür-Aktion einmalig 12 Teams, d.h. 24 Freiwillige zusammenbringen und koordinieren will oder ob man mit diesen 24 Freiwilligen dauerhaft, für mehrere Aktionen zusammenarbeiten möchte. Ersteres kann man sicher managen, letzteres muss man über Führung und andere Strukturen lösen.

Die Grenzen der Teamgröße werden mehr oder weniger durch die Zahl der Kommunikationskanäle gesetzt. Die Kernfrage lautet: Ist mein Team gerade noch überschaubar genug, sodass eine gute Kommunikation und vertrauensvolle Beziehung zwischen Führung und Mitglieder, aber auch zwischen den Mitgliedern möglich ist? Auch dazu hat Bernd Geropp einen interessanten Podcast gemacht (Führungsspanne: Wie viele Mitarbeiter können Sie führen?). Und er kommt zu dem Ergebnis: Die optimale Teamgröße liegt bei sieben Personen. Natürlich ist das nur ein Richtwert.

Für politische Kampagnen, die häufig eher 100 als 7 Freiwillige brauchen, bedeutet das, man muss die Führungsverantwortung teilen und Strukturen frühzeitig aufbauen. Der Kampagnenmanager kann nicht hunderte Leute jonglieren, sondern sollte eher Unterstützer rekrutieren, die sich eigenverantwortlich und gut geführt um ein Freiwilligenteam vor Ort kümmern (siehe Grafik). Dabei geht es nicht um den Aufbau eines hierarchischen „Oben" und „Unten". Vielmehr gilt es, Gestaltungsspielraum und Verantwortung an die Basis zurückzugeben. Vor Ort – das können Nachbarschaften, Gemeinden, Stimmbezirke oder ähnliches sein – sollen Teams sich um Ziele und deren Erreichung kümmern – gemeinsam und gestützt auf Freiwillige.

Infografik Freiwilligenarbeit und Unterstützer
 

Aufgaben und Verantwortung

Damit ist klar: Statt nur Aufgaben top-down zu verteilen, sollte man in der Kampagne vor allem die Verantwortung teilen. Natürlich gibt es einzelne Aufgaben, die erledigt werden müssen. Meist sind es Freiwillige, die ab und an Zeit spenden und konkret helfen wollen, denen gesagt werden muss, was gerade hilfreich ist. Hat man jedoch einen Freiwilligen gefunden, der in seiner Gemeinde Verantwortung übernehmen möchte, wäre es besser, ihm auch die Verantwortung für ein Ziel zu geben: „Wärst du bereit, die Verantwortung für 500 Tür-zu-Tür-Besuche bei dir zu übernehmen?" Ohne den Freiwilligen dann allein zu lassen, sollten Hinweise, aber keine Vorgaben zur Zielerreichung gemacht werden.

Wenn man Verantwortung teilt, muss auch in die Ausbildung der verantwortlichen Freiwilligen investiert werden. Als Kampagnenmanager sollte man also nicht nur Zeit in den Aufbau einer persönlichen Beziehung zu den Verantwortungsträgern in der Kampagne investieren, sondern auch für Training und Anleitung sorgen. Das reicht vom Umgang mit der eigenen Datenbank bis hin zum Führungstraining. Ein hilfreicher Baustein ist das Trainings- und Workshop-Angebot der Konrad-Adenauer-Stiftung!

 

Kampagnen brauchen Führung

Motivierte und gut geführte Freiwillige sind ein Plus für jede Kampagne. Sie kommunizieren persönlich oder über soziale Netzwerke mit den Wählern; sie überzeugen und mobilisieren. Deswegen gehört das Führen und Motivieren von Freiwilligen zur Kernaufgabe eines Kampagnenmanagers. Zentral dabei sind die Delegation von Verantwortung und der Fokus auf ein gemeinsames Ziel – nicht das Klein-Klein des Managements.

Ralf Güldenzopf