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Bürgergespräche souverän meistern

Das Gespräch mit dem Bürger gehört selbstverständlich dazu, wenn man sich politisch engagiert. Ganz gleich, ob mit dem Stand auf dem Marktplatz, beim Tür-zu-Tür-Wahlkampf oder beim Bürgergespräch zu konkreten Themen: Es geht darum, für die eigenen politischen Ideen zu werben und Menschen für konkrete politische Lösungsvorschläge zu begeistern.

Viele Berufspolitiker und Berufspolitikerinnen haben ein Talent dafür, auf Menschen zuzugehen, sie können über Politik diskutieren und dabei mit Argumenten überzeugen. Doch nicht immer gelingt ein Gespräch über die besten politischen Konzepte, denn Politik berührt viele persönliche Lebensbereiche und emotionalisiert. Nicht umsonst gibt es in vielen Familien die Regel, dass bei Tischgesellschaften Religion und Politik tabu sind.

Geschlossenes Weltbild

Doch was soll man tun, wenn man statt mit Argumenten auf einmal mit Wut konfrontiert ist? Viel ist bereits über die oft als „Wutbürger“ bezeichneten Mitmenschen geschrieben worden. Verbindendes Element der unterschiedlichen Ausprägungen ist, dass im Gespräch schnell klar wird, dass es nicht um den Austausch von Fakten und Argumenten geht. Ein geschlossenes Weltbild und die fehlende Bereitschaft zur offenen Diskussion stehen dem zumeist entgegen.

Welche Optionen habe ich in einer solchen Situation? Den Gesprächspartner ignorieren und damit möglicherweise das Gefühl von Verschwörung bestärken? Diskutieren und faktenreich argumentieren?

Vergebene Liebesmüh?

Mit Blick auf die Teilnehmer der Anti-Corona-Kundgebungen machte die Psychologin Lydia Benecke kürzlich in einem Interview mit „ZEIT Campus ONLINE“[1] deutlich, dass man diese Menschen nur noch schwer erreichen kann. Oft sind „alle Anstrengungen, sie noch zu überzeugen, vertane Liebesmüh“, denn in der Regel handelt es sich nicht um ein Erkenntnisproblem, wenn Menschen sich von Verschwörungsmythen vereinnahmen lassen. Vielmehr geht es ihnen darum, die eigenen Emotionen zu kanalisieren und gegen etwas Konkretes zu richten.

Sie stellt klar: „Das Grundproblem ist, dass man mit Fakten gegen Emotionen arbeitet. Neurologisch gesehen werden Fakten immer den Kürzeren ziehen, unser Gehirn verarbeitet Gefühle viel stärker als Sachinformationen.“ Ausgestattet mit diesem Hintergrundwissen bietet sich die Möglichkeit, den Menschen auf einer emotionalen Ebene zu begegnen. Versteht man das individuelle Motiv der Person, fällt es vielleicht leichter, eine gemeinsame Gesprächsebene zu finden, die den Austausch von Argumenten möglich macht.

Misstrauen und Abgrenzung

Meist scheitern diese Gespräche jedoch bereits im Ansatz, denn ein häufiges Kennzeichen des „Wutbürgers“ ist ein grundlegendes Misstrauen gegen „die da oben“ und der Wunsch nach Abgrenzung gegenüber Personenkreisen mit einem gewissen gesellschaftlichen Status. Diese Abgrenzung erfolgt nicht über das Ausloten von Kompromisslinien, sondern über persönliche Angriffe. Hier gilt es klare Grenzen zu ziehen. Niemand muss im Gespräch bleiben, wenn man persönlich angegriffen wird. Auch antisemitsche und rassistische Äußerungen sollten nicht toleriert werden.

Herausforderungen souverän begegnen

Leichter gesagt als getan? Mit drei einfach Regeln können Sie den Herausforderungen souverän begegnen:

1. Bereiten Sie sich auf diese herausfordernden Gesprächssituationen vor.

Legen Sie sich Argumente zurecht, mit denen Sie den persönlichen Angriffen auf Sie und andere begegnen können. Lassen Sie sich dabei nicht vereinnahmen oder stellvertretend für eine Gruppe in Haftung nehmen. Fragen Sie nach Quellen und Belegen. Wenn trotz aller Bemühungen um einen Austausch über Sachthemen keine gemeinsame Gesprächsebene in Sicht ist, ist eine Beendigung des Gesprächs eine legitime Option.

2. Lassen Sie sich in einer emotionalen Gesprächssituation nicht provozieren.

Bleiben Sie höflich im Umgang und klar in der Sache. Versuchen Sie ruhig zu bleiben, auch wenn Sie persönlich angegriffen werden. Halten Sie ihre Tonlage neutral und lassen Sie sich nicht zu einer emotionalen Auseinandersetzung verleiten. Einen solchen Konflikt kann man nur verlieren, denn Emotionen überlagern Fakten.

3. Stellen Sie offene Fragen zu konkreten Sachverhalten, um Verallgemeinerungen und Mythen zu hinterfragen.

Brechen Sie dadurch einfache Erklärungsmuster auf und machen Sie sichtbar, dass es unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema geben kann. Stellen Sie dabei klar, dass sich aus den oft extremen Beispielen und sichtbaren Einzelfällen keine pauschalen Urteile ableiten lassen.

 

​​[1] https://www.zeit.de/campus/2020-05/falschinformationen-verschwoerungstheorien-coronavirus-bill-gates-5g-lydia-benecke

 

Über die Autorin:

Dr. Sandra Busch-Janser leitet seit zwei Jahren die Abteilung Politische Kommunikation und Adenauer Campus der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Sie ist Expertin für politische Kommunikation und Kampagnen und entwickelte vor ihrem Start bei der Stiftung verschiedene Informationsangebote für den Bereich politische Kommunikation / Public Affairs.

 

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