Expertenbeitrag

Deutsche Politik in der Wahrheitskrise?

Politische Kommunikation befindet sich häufig im Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Lüge. Obwohl Fake News und Desinformation immer häufiger diskutiert werden, ist die Frage einer Postfaktifizierung der deutschen Politik bisher nur wenig beleuchtet worden. In einer Kommunikatorenstudie sind Prof. Olaf Hoffjann und Lucas Seeber an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg deshalb der Frage nachgegangen, ob sich die deutsche Politik in einer Wahrheitskrise befindet.

Die Erfolge von Politikerinnen und Politikern wie Donald Trump, der Brexitkampagne sowie zahlreichen populistischen Bewegungen und Parteien in Europa haben Begriffe wie Post-Truth, Fake News, Desinformation und Bullshitting in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Welche Konsequenzen ein dehnbares Verständnis von Wahrheit und Realität für Gesellschaften bedeuten, kann am Sturm auf das Kapitol 2021 in Washington als Negativbeispiel illustriert werden. Wenn Vertrauen missbraucht und Wahrheit zum Spielball der Interessen wird, sind häufig demokratische Werte in Gefahr.

Schnell ist man in diesem Kontext mit der erkenntnistheoretischen Frage nach der Wirklichkeit und dem Universalienproblem konfrontiert. Gibt es eine objektive Realität oder konstruieren Menschen, jeder für sich, ihre eigene Wirklichkeit? Spätestens seit der Antike werden diese Fragen diskutiert und finden sich auf dem Spannungsfeld zwischen Realismus und Konstruktivismus. Die Herausforderung für die politische Kommunikation kann anhand der Corona-Pandemie illustriert werden: Auf der einen Seite gibt es naturwissenschaftliche, empirisch messbare Fakten – wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs durch eine Infektion mit einer Virusvariante? Auf der anderen Seite ist menschliche Wirklichkeit auch das Ergebnis der subjektiven Konstruktion aus Sinnreizen und Gedächtnisleistungen – kann ein verantwortungsbewusster Studierender, der einen Risikokontakt hatte, zu Weihnachten seine Großeltern im Pflegeheim besuchen?

Politische Kommunikation hat zur Aufgabe, die Ratio und Emotio zusammen zu bringen und objektive Realität und subjektive Wirklichkeiten zu harmonisieren. Für Kommunikatorinnen und Kommunikatoren ist das nicht leicht – vor allem in einem Meinungsklima, in dem der Korridor von Wahrheit und Unwahrheit sehr weit ist. Vermischen sich Angst, Elitenmisstrauen und Alternativfakten, dann erodiert nicht selten das Fundament einer diskursiven, pluralistischen Gesellschaft und Wahrheitsnormen stehen zur Disposition. Selbst radikale Konstruktivisten wünschen sich dann nicht selten den rationalen Diskurs der bürgerlichen Öffentlichkeit à la Jürgen Habermas. Andere wiederum sehen die Chance einer politischen Kommunikation à la Donald Trump und versuchen eine zweifelhafte Dehnbarkeit der Wahrheit zu etablieren.

In einer Studie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg gingen wir – Prof. Olaf Hoffjann und Lucas Seeber – der Frage nach, ob die deutsche Politik auf dem Weg in eine Wahrheitskrise ist. Hierzu wurden die Expertinnen und Experten – Politikerinnen und Politiker, Pressesprecherinnen und Pressesprecher sowie Journalistinnen und Journalisten – befragt. Die Ergebnisse zeigten u.a., dass etwas mehr als die Hälfte der Befragten sich in einer postfaktischen Demokratie wähnt, obwohl mehr als 90 Prozent eine Politik erwarteten, die ernsthaft, verbindlich und mit Wahrheitsanspruch auftritt. Die Befragten unterstellten Politikerinnen und Politikern selten Lügen (rund 15 Prozent). Überraschend: Politikerinnen und Politiker unterstellen anderen Politikerinnen und Politikern häufiger (21,8 Prozent) Lügen, als dies deren Pressesprecherinnen und Pressesprecher (5,1 Prozent) und sogar Journalistinnen und Journalisten tun (14,3 Prozent). Nur rund 1,5 Prozent gaben an, dass Lügen in der Politik legitim ist. Dagegen hielten rund 30 Prozent sogenanntes „Bullshitting“ – das Ergänzen von ungeprüften Aussagen, die wahr sein könnten – für weit verbreitet. Rund 5 Prozent fanden „Bullshitting“ legitim. Anhand dieser Ergebnisse lässt sich interpretieren, dass die bewusste Täuschung als kritikwürdiger gilt als ein gleichgültiges Verhältnis gegenüber der Wahrheit. Rund 50 Prozent der Befragten sahen sich als Teil einer postfaktischen Demokratie. Das heißt, sie unterstellten Politikerinnen und Politikern, dass ihnen der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen eher unwichtig sei. Von den drei befragten Gruppen glaubten vor allem Politikerinnen und Politiker nicht an eine faktische Politik (rund 55 Prozent). Pointiert formuliert: Journalistinnen und Journalisten glaubten häufiger an das Gute in Abgeordneten als diese selbst.

Zur Wahrheit gehört Kritikfähigkeit. Auf der einen Seite zeigen die Ergebnisse der Studie, dass eine knappe Mehrheit der Befragten eine Wahrheitskrise in der Politik wahrnimmt. Gleichzeitig verurteilt eine sehr deutliche Mehrheit dies. Mit anderen Worten: Fast alle Befragten, die sich als Bürgerinnen und Bürger einer postfaktischen Politik sehen, kritisieren diese. Akzeptieren wir, dass soziale Wahrheiten Teile einer konstruktivsten Realität sind, so können wir uns an Kants kategorischen Imperativ orientieren und den Versuch unternehmen, uns aus einer selbstverschuldeten Wahrheitskrise zu befreien.

Über den Autor

Lucas Seeber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Dort unterrichtet er als Dozent am Lehrstuhl für Organisationskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Seine Forschung und Lehre konzentriert sich auf die Bereiche der politischen und strategischen Kommunikation mit dem Fokus auf Wahlkampfkommunikation und politische Öffentlichkeiten.

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