Expertenbeitrag

Games & Politics: Politische Streams auf Twitch

„Eine Generation meldet sich zu Wort“: So wurde die letzte Shell-Jugendstudie 2019 überschrieben. Tatsächlich ist das politische Interesse von Jugendlichen in Deutschland seit den 2000er Jahren deutlich gestiegen: 41 Prozent der Jugendlichen interessieren sich für Politik.[1] 2002 waren es lediglich 30 Prozent.[2] Trotzdem stellt es politische Institutionen und Parteien zunehmend vor Herausforderungen, diese Zielgruppen mit interessanten Formaten, gewinnender Ansprache und Inhalten aus der Lebenswirklichkeit zu erreichen. So gilt das vielbeschworene Credo auch für unsere politische Bildungsarbeit einmal mehr: „Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie stehen“ – und das eben auch dort, wo es neu, ungewohnt und vielleicht sogar unbequem für uns sein könnte.

Eine boomende Plattform, auf der viele Jugendliche und junge Erwachsene Zeit verbringen, ist der Streaming-Anbieter Twitch. Im April 2021 wurde die Seite weltweit von 1,14 Milliarden Menschen besucht. Groß geworden ist sie mit der Live-Übertragung von E-Sports und talentierten wie unterhaltsamen Streamer:innen, die in Echtzeit übertragen, wie sie zocken. Mittlerweile ist die Bandbreite größer: Zwischen klassischen Gameplays finden sich Koch-, Fitness-, Musik- und Just-Chatting-Streams.

Community-Begegnungen auf Augenhöhe

„Auf Twitch ist auch Raum für politische Inhalte und Formate“ – gemeinsam mit der esports player foundation haben wir deshalb einen E-Sports- und -Politik-Stream konzipiert. Im Zentrum des Streams stand die Begegnung zwischen Playern aus der E-Sports-Szene, Nachwuchstalenten, Interessensvertreter:innen, Influencer:innen und politischen Vertreter:innen. Getroffen haben wir uns an der Schnittstelle zwischen politischen, gesellschaftlichen und Branchen-Themen.

Besonders wichtig war es uns dabei, den Twitch-Nutzer:innen auf Augenhöhe zu begegnen: Was ist für die Community interessant? Und wie können wir diese einbinden und zur Interaktion animieren? Twitch ist besonders geeignet, um die Zuschauerinnen und Zuschauer einzubinden. Über den Chat können sie mitdiskutieren und Fragen stellen. Mit Hilfe von Umfragen haben wir darüber hinaus während des Streams das Meinungsbild der Community eingeholt und im Studio diskutiert.

Einbindung von Influencer:innen

Neben authentischer Interaktion zählen auf Twitch außerdem in besonderer Weise Identifikationsfiguren, also in der Community bekannte Gesichter von Streamer:innen, E-Sportler:innen und Influencer:innen. Unser Anliegen war es, die zwei Welten – Politik und Gaming – in authentischen Austausch miteinander und mit der Community treten zu lassen, Standpunkte auszutauschen - und vor allem gemeinsam Spaß zu haben. In insgesamt sechs Formaten in unterschiedlicher thematischer Ausgestaltung trafen somit Politiker:innen, E-Sportler:innen, Interessensvertreter:innen und Streamer:innen aufeinander: Ob Streamer und Politiker an der Gamestation, in der Boost-Women-Talkrunde oder im „Teamfight for E-Sports“-Zukunftspanel: Im Zentrum stand das gemeinsame Engagement, das Potenzial und Empowerment für die Community.

Viele weitere Formate füllten den insgesamt fünfstündigen Stream: In einer Werte-Diskussion ging es um die Frage, wie man toxisches Spielverhalten bekämpfen und Computerspiele so für alle erfreulicher gestalten kann. Expert:innen und bekannte Persönlichkeiten aus der Szene brachten den Zuschauer:innen die Bedeutung einer positiven mentalen Einstellung und der richtigen Ernährung für den Erfolg im E-Sports näher. Und schließlich diskutierten wir mit Politiker:innen sowie Interessensvertreter:innen die Potenziale und die Zukunft des E-Sports in Deutschland. Die Formate waren dabei jeweils nicht länger als eine Stunde und wurden abwechselnd aus Köln und Berlin gestreamt.

Learnings für einen erfolgreichen Stream

Unseren Games & Politics-Stream haben mehr als 144.00 Menschen gesehen. Zu diesem Erfolg beigetragen haben neben der Community-Einbindung im Stream insbesondere die Verschränkung von Social Media-Promotion im Vorfeld, die Einbindung von Influencer:innen, die Reichweite in ihre Communities generierten, sowie die Platzierung unseres Streams auf der Startseite von twitch.tv.

Drei Learnings halten wir dabei fest:

  • Augenhöhe bedeutet Kontrollverlust: Wer einen Livestream von vorne bis hinten durchplant, begegnet seinen Zuschauer:innen nicht auf Augenhöhe. Die Plattform lebt aber von der Interaktivität. Diesen Kontrollverlust muss man zulassen. Durch die Beteiligung von Influencer:innen aus der Community kann man ihn sogar befeuern und von der Authentizität profitieren. Also: Live-Formate machen Spaß!
  • Neue Plattformen brauchen neue Formate: Die Übertragung von Veranstaltungen, „die wir schon immer gemacht haben“, werden keinen Erfolg haben. Man muss sich auf das Plattform-typische Setting einlassen. Deshalb: Twitch-User:innen wollen eingebunden werden.
  • Expertise aus der Community einbinden: Twitch-Gamer:innen können die Expertise einbringen, die nun einmal fehlt, wenn man irgendwo neu ist. Das sollte man sich trauen, um am Ende Glaubwürdigkeit gewinnen. Ganz klar: Lassen Sie sich auf die Plattform ein!

 

Über die Autorin

Marcel Schmidt und Sophie Petschenka sind Referent:innen für politische Kommunikation in der Konrad-Adenauer-Stiftung und dort für Gaming- und digitale Formate zuständig. Gemeinsam setzten sie mit der Digitalakademie der Konrad-Adenauer-Stiftung den Games&Politics Stream am 29.April 2021 um.

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