Erfahrungsbericht

Junge Leute in die Parlamente!

„Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie so weit oben auf die Liste zu setzen, wird schwierig. Sie holen die CDU-Wähler nicht ab. Sie sind zu jung!“ Das war einer der wohl härtesten Sätze, den ich mir anhören durfte, als es um die Aufstellung für die Stadtratsliste ging. Im Januar 2019 haben wir für die im Mai stattfindenden Kommunalwahlen unsere Liste aufgestellt. Allen Kommentaren zum trotz habe ich auf Platz sieben kandidiert und entgegen der Erwartungen vieler bin ich in den Stadtrat eingezogen. Als jüngste Kandidatin aller Parteien war und ist das für mich ein großer Gewinn.

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Ich bin der Überzeugung, dass es mehr junge Menschen in kommunalen Mandaten mit Verantwortung braucht. Ich glaube fest daran, dass es junge, frische Ideen zusammen mit einem guten Schuss bewahrenden Wissens braucht. Um mehr junge Leute in Parlamente zu bekommen, müssen aber wir jungen Leute uns anstrengen; niemand schenkt einem das Mandat! Und wie soll das klappen? Ein Geheimrezept gibt es sicherlich nicht, hier sind jedoch drei Punkte, die ich rückblickend als wichtig einstufe:

Welche Zielgruppe will ich erreichen?

Machen wir uns nichts vor: Die wenigsten Wähler über 60 werden uns wählen, denn diese Themen können junge Leute in der Regel nicht ehrlich und authentisch besetzen. Ich habe 2015 angefangen, als Gründerin des Schülerparlaments die Politik in meiner Stadt mitzugestalten. Die Themen an den Schulen waren mir somit geläufig. Ich habe viele Schulen in meiner Funktion von innen gesehen, habe kaum nutzbare Schultoiletten und bröckelnde Wände bemerken können. Auch mangelnde Jugendbeteiligung und mangelhafte Radwege waren Themen, die ich somit täglich vor Augen hatte. Diese Themen kann ich ehrlich vertreten und mit ihnen erreiche ich eine Zielgruppe, zu der ich selbst noch zähle. Und so geschah es dann doch, dass bei einem Wahlkampfgespräch eine ältere Dame zu mir kam und meinte: „Meine Enkelin ist so begeistert von Ihnen und dass endlich jemand junges für ihre Themen eintritt, da wähle ich Sie jetzt auch!“

Wie kommuniziere ich und was vermittle ich?

Auch bei der Kommunikation sind Zielgruppen unwahrscheinlich wichtig. Ich habe die Online-Kommunikation hauptsächlich via Facebook und Instagram gestaltet. Hier können die Zielgruppen gerade für junge Kandidaten kaum unterschiedlicher sein und danach richtet sich auch die Ansprache. Bei Instagram habe ich insbesondere in Folge von Podiumsdiskussionen an Schulen viele Erfurter zwischen 16 und 24 Jahren erreichen können. Bei Facebook hingegen reichte die Zielgruppe eher von 35 bis 55 Jahren. Dass die Social-Media-Kommunikation insbesondere für Kommunalämter eine ganz besondere Kategorie ist, ist ein Fakt, den man in einem separaten Beitrag betrachten könnte. Um es nur kurz anzureißen:

 

  • Sprich die Leute direkt an. Ob in einem Call-to-Action wie Instagram-Umfragen oder als Frage am Ende deines Beitrages bei Facebook: Frag deine Follower nach ihrer Meinung. Diese wird dich begleiten und zeigt dir immer wieder andere Blickwinkel auf, die helfen, Tatsachen umfassender zu betrachten.
     
  • Sei ehrlich. Wenn was nicht so geklappt hat, wie du dir das vorgestellt hast, dann erzähl das auch! Wenn du einen schlechten Tag oder eine miese Erfahrung hattest, dann teile sie einfach mit deinen Followern. „Nobody’s perfect“ und es macht dich menschlich! Natürlich bist du nach acht Wochen Wahlkampf gerädert und die wenigsten haben wirklich Lust, sich auch am 35. Stand noch Kritik an der Bundespolitik anzuhören, obwohl sie damit als kommunaler Kandidat nichts zu tun haben. Aber für unser Ziel, das Mandat, machen wir das gerne, selbst wenn es einen rädert.
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  • Zeig alles, was du im Wahlkampf machst. „Heute war ich zur Podiumsdiskussion und im Straßenwahlkampf unterwegs“ reicht als Info nicht. Mach Fotos! Teile sie, gerne überall. Es kann nicht schaden, auch mehrmals im Feed von Facebook- oder Instagram-Usern zu erscheinen, ABER das 3000. Gruppenfoto vom Stand sollte es nicht sein. Sei kreativ, zeig dich im Bürgerdialog oder in Aktion. Zeig wie du deine Plakate aufhängst und dich anstrengst, zeig echte Freude über deine ersten Flyer, zeig, wie du zum Muttertag Lächeln in die Gesichter mit Rosen oder Yogurette zaubern kannst.

 

Trotzdem glaube ich, dass der direkte Kontakt beim Haustürwahlkampf und am Stand immens wichtig ist. Die Wirkung von Canvassing ist unbestritten. Während im Bundestagswahlkampf von maximal einer Minute pro Tür geredet wird, war und ist es mir wichtig, wenn ich selbst für ein Mandat kandidiere, mir für jede Tür Zeit zu nehmen. Da kann man auch schnell mal in ein 30-minütiges Gespräch an der Haustür verwickelt werden und das ist in meinen Augen absolut in Ordnung. Ein Mandat zu haben, heißt zuzuhören, Sorgen, Ängste und Nöte aufzunehmen und zu helfen, diese zu beseitigen. Deswegen bestreite ich auch weiter Gespräche, nicht nur in Wahlkampfzeiten. Kurz nach der Wahl habe ich bei einem Schwimmwettkampf einen Jungen getroffen, der mir dann erzählte: „Du warst bei uns an der Tür, stimmt’s? So cool! Toll, dass du meiner Mama und mir zugehört hast. Ich habe dich gewählt!“ Es lohnt sich!

Sei mittendrin, nicht nur am Rand dabei!

Wer Politik gestalten will, der kann und sollte zunächst zu Hause zeigen, dass er es kann. Die Basis allen Geschehens ist in der Kommune, wo über Schlaglöcher, rote Ampeln und marode Schulen geredet wird. Ideen, seine Heimat besser zu machen, hat sicherlich jeder, aber ein Mandat bedeutet, einen Bürgerauftrag zu haben und so sollte man auch Anregungen von Bürgern mitnehmen. Bei den Bürgern zu sein, ist dabei von großer Wichtigkeit und wo geht das besser als in Vereinen? Auch bei der Kommunalwahl in Thüringen hat man sehen können, dass am Ende die Kandidaten mit Stimmen belohnt werden, die sich vor Ort ehrenamtlich engagieren. Ob bei der Feuerwehr, im Karneval oder mit sozialen Projekten – anpacken und mitmachen! Diese Arbeit ist der Grundpfeiler unserer demokratischen Gesellschaft. Nur mit den Vereinen zu reden, statt wirklich dabei zu sein, das hat einen faden Beigeschmack!

Wir brauchen junge Leute in den Parlamenten! Es ist jetzt an uns, unsere Zukunft zu gestalten und unsere Heimat von morgen zu bauen. Bring dich ein, mach mit und sei laut.

 

Über die Autorin:

Lilli Fischer ist 20 Jahre alt, Stadträtin in Erfurt und Co-Autorin des Podcasts "womensplaining". An der Friedrich-Schiller-Universität Jena studiert sie Chemie und Sozialkunde auf Lehramt. 

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