Können Twitter-Daten Wahlprognosen ermöglichen? Eine neue Studie rät zur Vorsicht.

Twitter-Daten eigenen sich kaum für Wahlprognosen. Das hat eine gemeinsame Studie von Wissenschaftlern und der Konrad-Adenauer-Stiftung zu Twitter als politischer Informationsquelle ergeben. Co-Autor Dr. Andreas Jungherr erklärt im Interview, wie man Twitter-Daten trotzdem nutzen kann.

 

Wie aussagekräftig sind politische Tweets? Kann man daran die aktuelle Relevanz politischer Themen ablesen? Lassen sich aufgrund politischer Tweets gar Voraussagen über das Wahlverhalten der User anstellen?

In der Studie „Twitter als politische Informationsquelle" haben unter anderem diese Fragen Dr. Andreas Jungherr (Uni Konstanz), Prof. Harald Schoen (Uni Mannheim) und Ralf Güldenzopf (Konrad-Adenauer-Stiftung) untersucht. Da es bei politischen Kampagnen immer um die Wirkung geht, müssen die eingesetzten Mittel effizient sein und kontinuierlich hinterfragt werden. Das gilt natürlich auch für Twitter.

Für die Studie sind im Rahmen der Bundestagswahl 2013 vom 1. Juli bis 27. September rund 1,4 Mio. Tweets von 98.000 Nutzern analysiert worden. Die Autoren interessierte vor allem drei Fragen:

  • Kann man anhand von Twitter-Daten Wahlprognosen erstellen?
  • Kann man dadurch prominente, öffentliche Themen ermitteln?
  • Kann man anhand des Tagesvolumens politikbezogener Tweets Aussagen über die politische Aufmerksamkeit treffen?

 

Hier die zentralen Erkenntnisse, die Dr. Andreas Jungherr auch in unserem Interview noch einmal herausgearbeitet hat:

  • Es hat sich dabei herausgestellt, dass Twitter nicht zur Prognose von Wahlergebnissen taugt. Gemäß der Daten wären zum Beispiel die bei der Bundestagswahl stimmstärksten Parteien CDU/CSU und SPD massiv unterschätzt worden, bei gleichzeitiger Überschätzung der stimmschwächeren Parteien, insbesondere der Piraten. Das tatsächliche Wahlergebnis war keinesfalls anhand der Twitter-Daten vorherzusehen.
  • Zudem entspricht die Twitter-Agenda nicht der öffentlichen Agenda. Tweets sind stark interessengeleitet durch die Nutzer und können beispielsweise durch Spott oder Häme verstärkt werden. Dies kann mit der öffentlichen Agenda übereinstimmen, kann aber auch teils stark davon abweichen. Twitter-Daten müssen daher mit Vorsicht interpretiert werden.
  • Tweets können allerdings durchaus ein Abbild politischer Realität bieten, sie sind aber immer auch gefiltert durch die individuelle Aufmerksamkeit und das Interesse des Nutzers. Auch hier ist Vorsicht geboten. Twitter-Daten können einen Hinweis geben oder ein Bild zeichnen, dürfen aber nicht als reales Abbild betrachtet werden.

 

Twitter-Daten dienen also nicht als Grundlage für Rückschlüsse auf Erfolg oder Popularität einer Partei. Generell sollten Social-Media-Daten vorsichtig interpretiert werden. Stattdessen sollte man sich überlegen, was an den Daten interessant sein könnte und dann konkrete Fragen stellen. Die allgemeine Interpretation des reinen Datenbestandes führt hingegen kaum zu validen Aussagen.


Im Interview spricht Dr. Andreas Jungherr über den richtigen Umgang mit Twitter-Daten und das eigentliche Potenzial:
 

 

 

Ralf Güldenzopf