Expertenbeitrag

Präsidentschaftswahlen 2022 in Frankreich - Ein kurzer Blick auf den Wahlkampf

Ein Aufatmen geht durch Europa: Emmanuel Macron hat am vergangenen Sonntag die Stichwahl der französischen Präsidentschaftswahlen mit 58,5% zu 41,5% gegen seine rechtsextreme Herausforderin Marine Le Pen gewonnen. Das Horrorszenario einer antieuropäischen, nationalistischen und protektionistischen Präsidentin im Elysée-Palast erfüllte sich nicht.

 

Zuvor waren zur ersten Runde der Präsidentschaftswahlen zwölf Kandidaten angetreten. Dabei unterschied sich die Herangehensweise an den diesjährigen Urnengang zwischen den Kandidaten mitunter erheblich. Dies gilt gleichermaßen für die Dauer des geführten Wahlkampfs als auch für die eigesetzten Mittel.

So wartete etwa Emmanuel Macron – wenngleich an seiner erneuten Kandidatur kein Zweifel bestand – bis zum letztmöglichen Zeitpunkt, um sich offiziell zu erklären. Hierfür nutzte er einen „Brief an die Franzosen“, der am 3. März in allen Zeitungen der regionalen Tagespresse erschien. Hierdurch wollte Macron seine Verbundenheit mit dem ländlich strukturierten Frankreich unterstreichen und dem Vorwurf entgegenwirken, er habe sich in den fünf vergangenen Jahren nicht ausreichend um die Belange fernab von Paris liegenden Regionen gekümmert. Eine gleichzeitige Veröffentlichung auf seinem reichweitenstarken Twitter-Accounts @emmanuelmacron führte zu einer Rüge der nationalen Wahlkampfkommission, woraufhin der Kandidat den weiteren Wahlkampf ohne seinen 8.1 Mio. Follower-starken Account bestreiten musste.

Emmanuel Macron annonce sa candidature aux Français dans la presse régional (francetvinfo.fr)

Den späten Eintritt in den Wahlkampf begründete Macron mit der Notwendigkeit, Frankreich in schwierigen Zeiten konzentriert und mit voller Hingabe führen zu können. Seine Mitbewerber warfen ihm vor, sich dem Wettstreit und dem Wahlkampf weitgehend entziehen zu wollen. Anders als der amtierende Präsident hatten sie seit vielen Monaten in Wahlkampfveranstaltungen, TV-Debatten und auf den Marktplätzen um die Gunst der Wähler geworben. Und in der Tat: Kurz vor dem 1. Wahlgang stiegen die Zustimmungswerte für Marine Le Pen und Jean-Pierre Mélenchon beachtlich.

Der eigentliche Wahlkampf von Macron war geprägt von Vor-Ort-Besuchen im Land und wenigen Kundgebungen, beispielsweise in Straßburg, der Hauptstadt Europas. Im digitalen Bereich fiel er mit einer Neuerung auf: Eine professionell produzierte Youtube-Serie „Emmanuel Macron, le candidat“ begleitete den wahlkämpfenden Präsidenten in sieben Episoden und gewährte spannende Einblicke hinter die Kulissen.

Nach einem misslungenen Wahlkampf 2017 kandidierte Marine Le Pen zum dritten Mal für das höchste Staatsamt. Nachdem die rechtsextreme Kandidatin die vergangenen fünf Jahre konsequent nutze, um ihrer Bewegung einen bürgerlicheren Anstrich zu verleihen und sich in Ton und Stil – freilich nicht in ihren Vorstellungen – um Mäßigung mühte, stellte sie die Gewinnung von Wählern der ländlichen Arbeiterklasse im – wie sie es nennt – „vergessenen Frankreich“ in den Mittelpunkt dieser Wahl. Sie konzentrierte sich hauptsächlich auf Fragen der Lebenshaltungskosten und kämpfte fast ausschließlich außerhalb von Großstädten mit kleinen Kundgebungen und Besuchen lokaler Märkte. Ihr Ansinnen: Sich selbst als volksnahe Kümmerin zu präsentieren – ganz im Gegensatz zu Macron, den sie als einen kontaktlosen Elitären darstellte, der die täglichen Kämpfe der Menschen nicht verstünde. Dazu schreckte sie auch vor Katzenbildern nicht zurück…

 

 

 

Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon verpasste den Einzug in die Stichwahl nur knapp und hat durchaus Anlass zur Reue: Die Kandidaten der extremen Linken erreichten ein Gesamtergebnis von ca. 25%, das für eine Qualifikation für den entscheidenden Wahlkampf gereicht hätte. Eine Einigung auf ein gemeinsames Vorgehen und Programm gelang den Akteuren im Vorfeld der Wahl jedoch nicht.

In seinem Wahlkampf setzte der rhetorisch starke Mélenchon auf eine Vielzahl von Wahlkampfkundgebungen sowie auf die sozialen Medien. So war er als einziger Politiker in allen „wichtigen“ sozialen Netzwerken präsent: Youtube, Facebook, Twitter, Instagram, TikTok, Linkedin und Twitch. Insbesondere seinen Youtube-Kanal bespielte er intensiv und führte das Bewerberfeld mit 621.000 Abonnenten an. Selbst auf Twitch erreichten die Zuschauerzahlen mehrere tausend gleichzeitige Aufrufe, was für ein weitgehend poltikfreies Netzwerk durchaus bemerkenswert ist. Auf Snapchat und Instagram bot er einen Augmented-Reality-Filter an und erschien als Hologramm höchstselbst in den Küchen, Wohnzimmern oder an den Arbeitsplätzen der Wähler.

 

Besondere Erwähnung verdient der politische Newcomer Eric Zemmour. Der bekannte Journalist, der seit Jahren mit scharfer Zunge und rechtsnationalistischen Tönen die politische und gesellschaftliche Entwicklung Frankreichs kommentiert, trat erstmals bei einer Wahl an und setzte auf hervorragend inszenierte Wahlkampfveranstaltungen im ganzen Land, darunter an bedeutenden Orten wie dem Mont Saint Michel oder dem Pariser Trocadéro. Im Laufe des Wahlkampfs stellte er sich mehreren TV-Duellen mit anderen Bewerber, welche – allen voran jenes mit Jean-Luc Mélenchon – für höchste Einschaltquoten sorgten und neue Maßstäbe in Hinblick auf Aggressivität und Niedertracht in der politischen Auseinandersetzung setzten.

 

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Unglücklich verlief der Wahlkampf der Kandidatin der „Républicains“, Valérie Pécresse. Geschwächt durch die nur halbherzige Unterstützung ihrer politischen Familie, allen voran Nicolas Sarkozy, beging sie eine Reihe handwerklicher Fehler in der Konzeption ihres Wahlkamps und vermochte es nicht, mit ihren Botschaften durchzudringen. Ihre Wahlkampfauftaktveranstaltung in einer großen Halle nahe Paris missglückte, denn es gelang ihr nicht, die 7.000 Zuhörerinnen und Zuhörer mit einer von Pathos und steifen Sentenzen geprägten Rede abzuholen. Zurück blieb der Eindruck eines misslungenen Auftritts, der selbst Parteimitglieder verwundert zurückließ. Auch im weiteren Verlauf des Wahlkampfs konnte Pécresse nicht punkten, sondern sorgte im Gegenteil immer wieder für Irritationen, etwa als sie zu Beginn des Überfalls Russlands auf die Ukraine einen skurril anmutenden Sicherheitsrat ihrer Partei inszenierte.

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Expertenbeitrag

Über den Autor

Sebastian Hass ist ein deutsch-französischer Politikexperte. Neben seiner Tätigkeit für ein deutsches Infrastrukturunternehmen berät er französische Politiker und Unternehmen und kommentiert regelmäßig politisches Zeitgeschehen im französischen und deutschen Fernsehen.

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