Expertenmeinung

Schlagfertigkeit in der Politik – nie mehr sprachlos?

Kennen Sie das Gefühl, dass Sie im Wahlkampf von einem Wähler oder einer Politikerin einer anderen Partei persönlich angegriffen wurden und es fällt Ihnen spontan keine passende Reaktion ein, aber wenig später auf dem Heimweg, im Büro oder im Wohnzimmer dann schon? Und kennen Sie auch diesen Gedanken: „Warum fällt mir diese Antwort erst jetzt ein und nicht dann, wann ich sie brauche?“ Dann ist Ihnen der Wunsch nach mehr Schlagfertigkeit bekannt und das Ziel, „nie mehr sprachlos“ zu sein.

Erfahrungsmäßig werden diejenigen weniger angegriffen oder finden persönliche Anwürfe nicht als verletzend, die eine klare Werthaltung und ein eindeutiges Ziel haben. Frei nach Nietzsche: Wer ein Warum oder Wozu zum Wahlkämpfen hat, erträgt fast jedes Wie!

​​​​​​​

Einer der ersten Schritte zu mehr Schlagfertigkeit ist also die Frage: Was gibt es überhaupt zu verteidigen und welche Ziele möchte ich erreichen? Oder in anderen Worten: „Nie mehr sprachlos“ zu sein ergibt nur Sinn, wenn ich auch etwas zu sagen habe. Denn wenn ich nichts zu sagen habe, macht es letztlich keinen Unterschied, ob ich sprachlos bin oder eben nicht.

Es geht in meinem Verständnis von Schlagfertigkeit daher auch nicht um den schnellen und lustigen Spruch, sondern vielmehr um die innere Haltung und die damit verbundenen Werte. Meine Reaktion auf Anwürfe sagt etwas über mich und meine Werte aus. Natürlich kann ich dem Anwurf „Sie sind doch viel zu jung für die Politik!“ mit einem harten Gegenschlag begegnen: „Klar erscheine ich jung, da Ihre Ansichten und Sie selbst aus der Steinzeit stammen.“ Nur was habe ich damit gewonnen? Ich zeige letztlich damit, dass ich mit meinem Alter tatsächlich ein Problem habe und den unter Umständen noch unentschlossenen Wähler habe ich dann wohl auch verloren. Die klügere Variante im Wahlkampf ist daher mit einer Klarstellung und einem Themenwechsel zu reagieren: „Ich bin alt genug, um zu erkennen, dass wir in unserer Stadt eine Umfahrungsstraße brauchen, weil die Staus unerträglich sind.“ Mit dieser Antwort mache ich klar, dass mein Alter erstens für mich kein Problem darstellt und ich zweitens auch nicht für mein Alter gewählt werden will, sondern in diesem Beispiel für mein Verkehrskonzept. Gleichzeitig vermittle ich ebenfalls Souveränität, weil ich nicht in die Falle des Angreifers tappe, sondern weiter sachlich mein inhaltliches Ziel verfolge.

Ich empfehle Ihnen daher, sich nicht „lustige Antwortsprüche“ auf persönliche Anwürfe zurecht zu legen, sondern sich in einem ersten Schritt zu einer besseren Schlagfertigkeit die Frage nach Ihren Kernwerten und den eigenen Zielen zu stellen. Warum trete ich in meiner Kommune an? Wozu will ich mit meiner Partei bei der Bundestagswahl gewinnen? Was sind meine Kernwerte, für die ich auch eintrete, wenn es schwierig wird und ich persönliche angegriffen werde? Bereits eine klare Antwort auf diese Fragen macht Sie in der politischen Auseinandersetzung schlagfertiger und damit überzeugender.

 

Über den Autor

Michael Traindt ist seit 20 Jahren Schlagfertigkeits- und Auftrittstrainer. Er bereitet Politikerinnen und Politiker auf Reden und Medienauftritte vor und begleitet sie in Wahlkämpfen. Der Österreicher lebt in Wien und München. 2021 erscheint sein Buch „Schlagfertigkeit. Wie man schwierige Gespräche im Job meistert und Familientreffen überlebt“ im ecowin Verlag.

Um einen Kommentar zu hinterlassen, melden Sie sich bitte hier an.

Empfohlene Beiträge

Expertenbeitrag
Linda Kotterba
Expertenbeitrag
Dr. Stefan Hennewig
Expertenbeitrag
Christian Meyer
Expertenbeitrag
Jakob Wöllenstein & Team Auslandsbüro Belarus (KAS e.V.)
Expertenbeitrag
Egon Huschitt