Expertenbeitrag

TikTok und Politik: Passt das zusammen?

Facebook und Instagram sind mittlerweile alte Social-Media-Hasen. Wer jung ist oder eben diese Zielgruppe erreichen will, tummelt sich bei TikTok. Kein anderes soziale Netzwerk wurde 2019 so oft heruntergeladen wie die als Tanzplattform gestartete App. Knapp sechs Millionen Userinnen und User gibt es mittlerweile in Deutschland.

TikTok ist ein chinesisches Videoportal. Nutzer können kurze Videos – die mindestens 15 Sekunden und maximal eine Minute lang sind – aufnehmen, schneiden und hochladen. Diese Videos können mit Musik untermalt werden, beliebt sind aber auch Filter oder Spezialeffekte. Viele Videos werden unter einem bestimmten Hashtag geteilt: So nehmen die Userinnen und User an einer Art “Challenge” teil. Gestartet ist TikTok als Tanz- und Lippensynchronisations-App. Lange waren politische Inhalte auf dem spaßigsten sozialen Netzwerk unerwünscht, mittlerweile hat sich das geändert.

Da tut sich was in Deutschland...

Die erste richtige Bewegung, die es auch in Deutschland auf TikTok geschafft hat, war “Black Lives Matter”. Die Nutzerinnen und Nutzer überschwemmten das soziale Netzwerk mit Meinungsäußerungen und Videos von den Demonstrationen. Als die Userinnen und User jedoch bemerkten, dass die Aufrufe der Hashtags #BlackLivesMatter und #GeorgeFloyd null Views anzeigten, warfen sie TikTok vor, politische Inhalte zu unterdrücken. Daraufhin entschuldigte sich das Unternehmen und machte einen technischen Anzeigefehler verantwortlich.

Politisieren statt informieren

TikTok ist aber kein soziales Netzwerk, das nur informiert, hier geht es vielmehr darum zu politisieren. Die politische Kommunikation auf TikTok unterscheidet sich von der auf anderen sozialen Netzwerken – hier steht nicht die Nachricht, sondern der Nutzer oder die Nutzerin und das, was sie aus der Nachricht machen, im Mittelpunkt. Die Nachrichten werden nicht bloß geteilt, sie werden von den Userinnen und Usern verarbeitet, zu einer ganz individuellen Story umfunktioniert. Sie agieren also wie Nachrichtensprecher und präsentieren aktiv die politischen Inhalte. Ein Beispiel: Nutzerinnen und Nutzer können mit Hilfe der “Duett”-Funktion in einem eigenen Video, andere Videos kommentieren.​ ​Daraus ergibt sich eine ganz neue Form der Debatte.

TikTok-User organisieren sich gegen Trump

Die TikTok-Nutzerinnen und -Nutzer können aber auch politisch aktiv werden und sich organisieren. In den USA haben Jugendliche auf TikTok dazu aufgerufen, Tickets für einen Wahlkampfauftritt von Donald Trump zu reservieren. Über eine Millionen Reservierungen gingen ein, der US-amerikanische Präsident kündigte daraufhin großspurig ein riesiges Publikum für seinen Auftritt an. Letztendlich kamen nur ca. 6.200 Menschen, der wahrscheinlich verdutzte Trump musste vor fast leeren Rängen sprechen.

Social Listening

Parteien und politisch aktive Gruppen können TikTok nicht nur nutzen, um ihre Ansichten zu verbreiten. Wertvoller ist, die Zielgruppe dort zu beobachten. Den Prozess, in dem man aktuelle politische Themen im Netz analysiert und bewertet, nennt sich Social Listening. Nie war es einfacher, so schnell herauszufinden, welche Themen für die junge Zielgruppe gerade relevant sind. Das was früher auf dem Schulhof besprochen wurde, wird heute in den sozialen Netzwerken ausgetragen - dort können sich politisch Aktive ganz einfach bedienen.

Reichweite durch Konflikte

Auch wenn die junge Zielgruppe, die angesprochen werden soll, schon stark mobilisiert ist und zur Wahl geht, kann sie auf TikTok zusätzlich auf Themen aufmerksam gemacht werden. Auch auf TikTok bringen Konflikte und gewagte Aussagen verlässlich Reichweite, aber auch neue Sichtweisen zu aktuellen Themen versprechen Aufmerksamkeit. Die "Welle" entsteht dann von ganz alleine. Als zusätzliches Plus werden Themen, die viral gehen, schnell in die klassischen Medien hochgespült und somit werden auch ältere und/oder nicht auf TikTok angemeldete Personen auf das Thema aufmerksam gemacht.

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Aber: Ohne Storytelling geht hier nichts! Das Thema oder der Konflikt muss in eine Geschichte verpackt sein, auch wenn das Video nur 15 Sekunden lang ist. Stumpfes Aneinanderreihen von Fakten reicht in den seltensten Fällen aus. Der User entscheidet in den ersten 1-2 Sekunden, ob er das Video schaut, oder weiterwischt.

Politiker müssen mithalten können

Politiker und Parteien schaffen es mittlerweile ganz gut, sich auf den sozialen Netzwerken zu positionieren. Auf TikTok könnte das ein bisschen schwieriger werden. In keiner anderen App sind Authentizität und “sich selbst nicht für wichtig zu nehmen” so maßgebend wie auf Tiktok. Die Plattform steht für Spaß und Unterhaltung. Für viele ältere Politikerinnen und Politiker mag es nicht so einfach sein, sich in diese Welt zu begeben. In anderen Parteien oder sogar in den eigenen Kreisen könnte man damit als unseriös abgetan werden. Einer der weiß, wie es geht, ist FDP-Politiker Thomas Sattelberger. Der 71-Jährige erreicht mit seinem meistgeklickten Video 1,9 Millionen Nutzerinnen und Nutzer auf TikTok. Er beantwortet Fragen, macht bei Trends mit und veräppelt sich und seine Arbeit als Politiker gerne mal selbst.

TikTok und Politik: Das passt zusammen!

In ganz naher Zukunft wird TikTok eher nicht verändern, wie Politik-Kampagnen gemacht werden, zumindest wird dort aber ordentlich mitgemischt. Bei der politischen Kommunikation auf TikTok gibt es keinen Leitfaden, der zum Erfolg führt. Aber wenn man gutes Storytelling betreibt, Trends mitmacht, authentisch bleibt und sich selbst nicht zu ernst nimmt, werden die Views und Follower-Zahlen ganz sicher schnell steigen.

Wie gut sich die Politiker und Parteien auf das neue soziale Netzwerk vorbereitet haben, wird sich zeigen. Ein guter Zeitpunkt damit anzufangen wäre aber dennoch JETZT.

 

Über die Autorin

Linda Kotterba hat Media and Entertainment Management an der Stenden Hogeschool in Leeuwarden (NL) studiert. Seit Januar 2019 besucht sie die RTL Journalistenschule und wird diese Ende 2020 als Fernseh- und Social-Media-Redakteurin abschließen. Neben großen Fernsehsendern wie RTL, Vox, ProSieben und ntv hat sie auch schon für Produktionsfirmen wie Warner Bros., Online-Medien und Lokalzeitungen gearbeitet. ​​​​​​​

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