Artikel

US-Präsidentschaftswahl: Leere Ränge, volle Datenbank

Deutlich weniger Trump-Fans als erwartet waren am Wochenende dabei als US-Präsident Trump seine erste große Wahlkampf-Veranstaltung seit Beginn der Corona-Pandemie abhielt. Platz für 19.000 Teilnehmer hätte die Arena in Tulsa, Oklahoma, geboten, doch die Ränge blieben leer. Und das, obwohl vorab mehr als eine Million Tickets für die Veranstaltung gebucht worden waren. Auch in den landesweiten Umfragen sieht es derzeit nicht gut aus für Donald Trump: Laut einer aktuellen Umfrage von Ipsos/Reuters liegt Herausforderer Joe Biden 13 Prozentpunkte vor dem Amtsinhaber.1

Keine selbsterfüllende Prophezeiung

Die Berichterstattung über die Siegchancen von Joe Biden sind dennoch viel verhaltener als bei der letzten Präsidentschaftswahl, als sich alle einig waren, dass Hillary Clinton auf jeden Fall die Präsidentschaftswahl gewinnen wird. Warum ist das so?

Wahrscheinlich, weil man vor allem gelernt hat, dass Umfragen keine selbsterfüllenden Prophezeiungen sind und sich hinter den statistischen Zahlen auch die eine oder andere Überraschung verstecken kann. Der Wahlausgang vor vier Jahren hat damals eine intensive Debatte über den Umgang mit Umfragen ausgelöst. Heute ist klar, dass gerade die US-weiten Zahlen – wie die Ipsos/Reuters-Umfrage – den Blick auf die regionalen Unterschiede verstellen können.

Es lohnt also der Blick auf die Umfragen in den einzelnen US-Bundesstaaten, denn diese entsenden die 538 Wahlmänner- und -frauen, die schließlich den Präsidenten wählen. Die Anzahl der Repräsentanten im „Electoral College“ ist abhängig von der Einwohnerzahl des jeweiligen Bundesstaates. Kalifornien mit mehr als 33 Millionen Einwohnern entsendet beispielsweise 55 Wahlleute, der Bundesstaat Maine (1,3 Mio Einwohner) hat vier Stimmen. Der Kandidat, der insgesamt mindestens 270 Wahlleute für sich gewinnt, wird US-Präsident.2

In Kalifornien liegt Joe Biden stabil 30 Prozentpunkte vor Donald Trump, während er beispielsweise im zweitgrößten Bundesstaat Texas, der immerhin noch 38 Wahlleute entsendet, einen Punkt hinter Trump liegt. Dennoch sind die Aussichten derzeit für Biden besser, als sie es vor vier Jahren für Clinton waren, denn er liegt rund vier Monate vor der Wahl in wichtigen „Battleground States“ vor dem Amtsinhaber – sogar in Florida. Einen guten Überblick über die verfügbaren Umfragen und aktuelle Werte liefert u.a. die Nachrichten-Webseite FiveThirtyEight.3

Wie für alle Umfragen gilt: Die Aussagekraft der aktuellen Umfragen ist begrenzt. Ein Fehler des Herausforderers kann seine Kampagne ins Wanken bringen, eine schnelle Erholung der Wirtschaft kann das Vertrauen in die Arbeit von Präsident Trump stärken. Alle Umfragewerte sind immer nur Momentaufnahmen.

Daten und Commitment

Die Kampagnenmanager um Donald Trump zeigen sich derweil auch unbeeindruckt von den Zahlen und dazugehörigen Berichten. Sie wissen um ihren Schatz, der in ihren Datenbanken liegt. Wahlkampfveranstaltungen wie die in Tulsa spülen Millionen von persönlichen Informationen über potentielle Wählerinnen und Wähler in die Datenbanken der Trump-Kampagne. Denn um ein Ticket zu bekommen, müssen die Interessenten nicht nur ihren Namen und eine Email-Adresse hinterlassen, sondern auch ihr Alter, ihre Handynummer und die Postleitzahl. Ob die Telefonnummer auch wirklich stimmt, wird umgehend geprüft, denn die Ticketbestätigung kommt direkt aufs Handy.

Ein weiterer direkter Draht zu seinen Unterstützern hat Donald Trump über seine Wahlkampf-App aufgebaut. 780.000 Downloads verzeichnet die mobile Anwendung seit ihrem Start im April 2020. Unterstützern bietet sie die Möglichkeit, ohne kritische Journalisten-Kommentare in das Trump-Universum abzutauchen. Wöchentliche Talkshows mit Freunden der Familie und Unterstützern, Livestreams bei Wahlkampfveranstaltungen, ein kuratierter Newsfeed und vieles mehr wird den Trump-Fans dort rund um die Uhr angeboten. Beim Download erbittet die App nicht nur Zugriff auf den Kalender und das Adressbuch des Handybesitzers, sondern auch auf die Bluethooth-Einstellungen. Auf diese Weise lassen sich Bewegungsprofile für die einzelnen Nutzer erstellen und passend zu den Nutzergewohnheiten Werbeanzeigen ausspielen.


​​​​Über die verschiedenen Kanäle will man mit 40 bis 50 Millionen Wählerinnen und Wählern, die Donald Trump voraussichtlich wählen werden, in direkten Kontakt kommen.4 Angesichts der Wahlbeteiligung wäre das rund ein Fünftel der Stimmberechtigten bzw. ein Drittel der tatsächlichen Wähler. Die Kampagne des demokratischen Vorwahl-Kandidaten Micheal Bloomberg hat jedoch gezeigt, dass auch die beste Technik und unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten nicht den Wahlsieg sichern.5 Was es gerade in den USA braucht, ist das Commitment der Unterstützer, das auch unentschlossene Wähler überzeugt. Und hier liegt Donald Trump eindeutig vor Joe Biden. Der Journalist und Aktivist Michel Moore bringt es in einem Facebook-Post auf den Punkt, wenn er fragt: “How many people would line up for five days just to hear Joe Biden talk?”6

Er stellt klar, dass der Kandidat, der die meisten Leute in den Swing-Staaten dazu inspiriert, an den Wahlen teilzunehmen - und gleichzeitig sicherstellt, dass jeder von diesen am Wahltag 10 bis 20 seiner Freunde und Familie mitbringt - alle hochmotiviert, begeistert und "Auf einer Mission von Gott" - der ist, der das Weiße Haus gewinnt.

 

1 https://edition.cnn.com/2020/06/21/politics/trump-voters-polls-analysis/index.html

2 Erklär-Video der bpb zur Präsidentschaftswahl 2016: https://www.youtube.com/watch?v=v3XncoCHc0Y

3 https://fivethirtyeight.com/features/the-latest-swing-state-polls-look-good-for-biden/

4 https://www.technologyreview.com/2020/06/21/1004228/trumps-data-hungry-invasive-app-is-a-voter-surveillance-tool-of-extraordinary-scope/

5 https://www.nytimes.com/2020/03/20/us/politics/bloomberg-campaign-900-million.html ​​​​​​​

6 https://www.facebook.com/mmflint/photos/a.10150288227701857/10156999078771857/?type=3&theater​​​​​​​

 

Über die Autorin:

Dr. Sandra Busch-Janser leitet seit zwei Jahren die Abteilung Politische Kommunikation und Adenauer Campus der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Sie ist Expertin für politische Kommunikation und Kampagnen und entwickelte vor ihrem Start bei der Stiftung verschiedene Informationsangebote für den Bereich politische Kommunikation / Public Affairs.

Um einen Kommentar zu hinterlassen, melden Sie sich bitte hier an.

Empfohlene Beiträge

Expertenbeitrag
Jakob Wöllenstein & Team Auslandsbüro Belarus (KAS e.V.)
Expertenbeitrag
Egon Huschitt
Expertenbeitrag
Dr. Jochen Roose
Expertenmeinung
Michael Traindt
Expertenbeitrag
Dr. Sandra Busch-Janser