Vier Thesen zum US-Wahlkampf: Keine Revolution, aber eine Evolution mit lautem Knall

Es ist immer gut, sich die Siegerkampagne anzuschauen. Aber genauso wenig, wie der Sieger immer alles richtig gemacht hat, macht ein Verlierer immer alles falsch. Deswegen müssen wir auch in der Bewertung des US-Präsidentschaftswahlkampfes differenzierter vorgehen – nicht zuletzt wegen des knappen Ergebnisses. Hier vier Thesen zur US-Wahl!

 

Die Botschaft bleibt zentral: „The Billionaire-Blue-Collar-Guy"

Auch wenn „Wirtschaft" sicherlich das wichtigste inhaltliche Thema der Wahl war, stand die charakterliche Eignung der Kandidaten deutlich im Vordergrund der politischen Auseinandersetzung und Berichterstattung.

Als Trump seinen Hut in den Ring warf, wurde er von den meisten einfach unterschätzt. Einige meinten, er würde es nicht ernst meinen. Andere waren davon überzeugt, dass er aufgrund fehlender Erfahrung, seines Images sowie seines Hintergrunds keine Chance haben und sich selbst zerlegen würde. Das Gegenteil war der Fall: Trump verkörperte authentisch den „Billionaire-Blue-Collar-Guy", wie es Ted Cruz‘ Kampagnenmanager Jeff Roe nannte. Sein Image: Stärke, Erfolg, politische Inkorrektheit. Gerade letzteres war gepaart mit seiner glaubhaften Wut der Kitt zwischen dem Mann der Top-1-Prozent und breiten Wählerschichten.

 

Die Rolle der Medien bleibt kritisch: "Bad for the country, but good for the ratings"

Mit einer Mischung aus Bewunderung und Ekel bekam Trump mediale Aufmerksamkeit wie kein anderer Kandidat. Er spielte geschickt mit den klassischen und „neuen" Medien. Und traf instinktiv einen Nerv – sowohl der Medienunternehmen als auch seiner Anhänger. Warum? Trump machte Quote!

Natürlich war die Berichterstattung gerade in der Hauptwahl nicht nur positiv für Trump. Allerdings kann man festhalten, dass die Vielzahl der Skandale, Beleidigungen und medialen Aufregungswellen Trump nicht geschadet haben. Im Gegenteil: Man kann festhalten, dass gerade die Masse dazu geführt hat, dass sowohl die Medien als auch die Menschen nicht mehr so genau hingeguckt haben.

 

Aus Stimmung werden Stimmen: Trumps neue Wählerkoalition?!

Es wird noch sehr viel analysiert werden, wer wen warum gewählt hat – also welche Einstellungen, Themen und Motive die Wähler beeinflusst haben. Ein erster Blick auf die Karte zeigt jedoch, dass Trump die Staaten gewann, die stark von Industrie geprägt sind und geprägt waren – Gegenden also, die auch von Globalisierung und Finanzkrise hart getroffen wurden. Darunter waren Staaten, wie bspw. Wisconsin und Michigan, die noch deutlich für Obama stimmten.

Mit seiner Botschaft und Art hat er vielen Wählern eine neue oder andere Art der Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben. Das klang in vielen Ohren nicht so versöhnlich, wie bei Obama, aber dennoch nach Wechsel. Hier spielte das Thema Wirtschaft auch eine wichtigere Rolle. Aus den konkreten Sorgen und Nöten dieser Menschen formte Trump seine Koalition. Man könnte auch sagen, dass er eine neue Wählerkoalition geschmiedet hat, aus der viele vorher Obama und Demokraten wählten – vielleicht setzt sich ja der Begriff „Trump Democrats" durch. Dagegen hat die Clinton-Kampagne die Stimmung an der Basis möglicherweise nicht ausreichend Gewicht gegeben und die Verschiebung in der Wählerschaft unterschätzt, wie die US-Wissenschaftlerin Hahrie Han feststellte.

 

Mobilisierung bleibt zentral: Persönliche Kommunikation gerade in Zeiten der großen Daten

Trump sorgte im Wahlkampf für einige Anomalien. Man könnte auch sagen, er ist nicht nur eine Herausforderung für das Establishment war, sondern auch für den Berufsstand der Kampagnenmacher. Erst später im Wahlkampf ließ er sich davon überzeugen, nicht nur Geld zu sammeln, sondern auch auf Daten und Online-Werbung zu setzen.

Trumps Abneigung gegenüber „traditioneller" Wahlkampfführung heißt jedoch nicht, dass sie nicht mehr wichtig ist. Sowohl in den USA als auch Europa bleibt der persönliche Kontakt zentrales Element von Kampagnen – gerade wenn es darum geht, die Stimmung vor Ort aufzunehmen. Seine „Bewegung" ist dafür ein Beleg. Persönlicher Kontakt, die Kommunikation über den Gartenzaun wird in diesen Zeiten wohl immer wichtiger. Zudem konnte auch Trump sich auf die Mobilisierungsbemühungen seiner Partei, aber auch anderer Kandidaten verlassen. Hier hat die GOP in den letzten vier Jahren viel investiert.

 

Wir werden sehen …

Es wird noch viel analysiert und berichtet werden über die US-Wahl 2016. Auch die Rolle von Hackern, Lügen und Social Media muss man weiter betrachten. Auf jeden Fall kann schon jetzt festhalten: Botschaft, Kandidat und zielgruppengerechte Mobilisierung müssen passen!

Ralf Güldenzopf