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Wählermobilisierung in der Großstadt - ein Erfahrungsbericht

​​​​​​​Ich gebe zu: Als ich in meinen Landtagswahlkampf startete, hatte ich nichts. Keine Erfahrung mit Wahlkämpfen, kein großes Budget und auch kein großes Unterstützerteam. Eines war aber klar: Ich wollte eine CDU zeigen, die aus dem Herzen einer Großstadt kommt - in diesem Fall aus Hannover Mitte. Ein Ort mit allen Vorzügen, aber auch allen Herausforderungen einer Großstadt.

Offenheit war deshalb von Anfang an die Devise. Mein Wahlkampfteam bestand zur Hälfte aus Menschen, die bereits Parteimitglied waren und zur anderen Hälfte aus Personen, die keiner Partei angehörten und die ich für mein Projekt begeistern konnte. Wir waren fast alle ziemlich grün hinter den Ohren, was sich aber als strategischer Vorteil erweisen sollte. Die erste Analyse brachte es schonungslos ans Tageslicht: Dieser Wahlkreis kann nicht direkt gewonnen werden. Also musste ein anderes lohnenswertes Ziel her. Alles begann mit der Frage: „Warum seid ihr hier? Was motiviert Euch, gerade dieses Projekt in Eurer knappen Freizeit voranzutreiben?“ Heraus kam ein Leitbild, das klar machte, hier kämpfen Menschen für ihre Werte.

 

Leitbild:

Wir sind Großstädter und lieben Hannover. Wir stehen für unsere städtische Freiheit und unsere bürgerlichen Werte. Wir arbeiten daran, eine moderne und großstädtische CDU in Hannover zu verwirklichen. Wir wünschen uns eine authentische, glaubwürdige Politik mit Herz und Verstand.

Wir erleben globale Umbrüche und wollen mit der Zeit gehen, um die besten Lebensumstände basierend auf freiheitlich-demokratischen Werten für unsere und für kommende Generationen zu gestalten.

Daher wollen wir Mareike als moderne Großstädterin in den Landtag bringen und den Regierungswechsel in Niedersachsen herbeiführen.


Ist ein offener partizipativer Prozess erst einmal gestartet, muss man ihn weiterführen. Deshalb ging es im Workshop-Charakter weiter. Jeder sollte seinen Beitrag leisten dürfen. Zentral hierbei: Eine gute Moderation. Einen zentralen Wahlkampfleiter gab es nicht, dafür aber ein Kernteam von drei Personen, die ihre unterschiedlichen Rollen sehr ernst nahmen und sicherstellten, dass alle anderen Teammitglieder ihre Ideen umsetzen konnten.

So wurde gemeinsam entwickelt und geplant. Welche Aktionen wollt ihr umsetzen? Wer kann welchen Beitrag leisten? Daraus wurden kleine Aufgabenpakete geschnürt. Besonders wichtig war dabei die Rolle des Teammoderators, der immer wieder die richtigen Fragen stellte: „Was braucht ihr, um diese Aktion umzusetzen?“ Ermächtigen und Ermöglichen war die Maßgabe. Dieses Verständnis von Teamführung war der Schlüssel zu einem nachhaltigen Engagement über den ganzen Wahlkampf hinweg. Frei nach der Devise: Das Team ist der Star!
Zentral darüber hinaus: Die Bildsprache und die Wahl der Medien. Mehr Guerilla-Marketing als hochprofessionalisierter Wahlkampf. Kaffee wurde an U-Bahnhöfen im Morgengrauen verteilt, wo sonst die CDU nie zu sehen ist, das Plakatfoto entstand mit der Handykamera und ohne Make-up, die Wahlplakate sollten grundsätzlich eher in den Nebenstraßen der Nachbarschaften hängen, als an den großen Verkehrsadern. Das Fahrrad wurde „gebrandet“, statt das dicke Auto zu beschriften (schließlich besitze ich bis heute kein eigenes Auto). Darüber hinaus wurden die Sozialen Medien genutzt. Neben Facebook auch das damals in der Politik noch recht unbekannte Instagram. 

Fotos: Mareike Wulf


Ja, auch die Empfehlungen der Bundespartei wurden beherzigt. Die Idee des Haustürwahlkampfs löste bei vielen Unbehagen aus. Zu Recht! Denn in Mehrfamilienhäusern zu klingeln macht keinen Sinn. 70 Klingeln wurden gedrückt und kein Einziger öffnete die Tür - das war die bittere Bilanz. In verdichteten Räumen ist man eher misstrauisch und hat gerne seine Ruhe. Nur dort, wo Einfamilienhäuser stehen, was im Zentrum einer Großstadt überschaubar ist, kann Haustürwahlkampf erfolgreich sein.

Thematisch gibt es Unterschiede, aber gravierend sind die nicht
Sicherheit, Bildung, Wirtschaft - dieser klassische CDU-Dreiklang kommt auch in der Innenstadt gut an. Darüber hinaus hat aber Bedeutung: Ökologische Nachhaltigkeit, moderne Mobilität, digitale Lebensart, gesunde Ernährung, knapper und überteuerter Wohnraum und Kultur - sowohl die Hoch- als auch die freie Kulturszene. In meinem Wahlkreis leben zudem 20 Prozent ältere Menschen sowie zwölf Prozent Menschen mit Migrationshintergrund, für die der Zusammenhalt in der Stadt eine große Rolle spielt. Zudem kann die CDU ihr Potential beim Thema Innovationen ausspielen, denn Gründer und Gründerinnen sowie Start-ups, die sich für Digitalisierung interessieren, findet man auch gerne im Zentrum.


Konsequenzen
Wie gesagt: Der Wahlkreis konnte nicht direkt gewonnen werden. Allerdings lässt die Analyse des Ergebnisses die Schlussfolgerung zu, dass eine nicht unerhebliche Zahl an Stimmen bei den Grünen-Wählern gewonnen werden konnte. Diese Zielgruppe in den Fokus zu nehmen, lohnt sich. Sowohl durch die Auswahl der Kandidatenprofile als auch durch die Präsentation in den Wahlkämpfen. Ansprechen sollten wir als CDU zukünftig auch die jungen urbanen Familien, die ihre Kinder im Lastenfahrrad zur Schule fahren, gerne im Bio- oder Lose-Laden einkaufen und dennoch eine gute Infrastruktur ebenso schätzen wie eine sichere Stadt und marktwirtschaftliche Prinzipien. Sie werden in den Städten zukünftig wahlentscheidend sein.

 

Über die Autorin

Mareike Wulf ist stellvertretende Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Niedersächsischen Landtag. Zur Landtagswahl im Oktober 2017 trat sie als Quereinsteigerin erstmals an und setzte mit ihrem modernen Wahlkampf auch über ihren Wahlkreis in Hannover hinaus Maßstäbe. ​​​​​​

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