DDR-Mythos und Realität
  • Bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht

    Am 8. Mai 1945 endete offiziell der Zweite Weltkrieg in Europa. Kapituliert hatte die Wehrmacht bereits am Vortag in Reims. Die Sowjets bestanden aber darauf, dass die deutschen Truppen auch ihnen gegenüber die Waffen niederlegten.

    Im Offizierskasino der Pionierschule 1 in Berlin-Karlshorst unterzeichnete deshalb Generalfeldmarschall Keitel in der Nacht zum 9. Mai die bedingungslose Kapitulation.

    Über zwölf Jahre nach der Machtergreifung Adolf Hitlers war der Nationalsozialismus damit Geschichte. Er hatte schreckliche Folgen hinterlassen: Weite Teile Europas waren zerstört, Millionen von Menschen waren obdachlos, über 60 Millionen hatten im Krieg ihr Leben verloren – mehr als in jedem anderen Krieg der Menschheitsgeschichte. Aus allen Schrecken aber ragte die Vernichtung der europäischen Juden hervor. Ungefähr sechs Millionen von ihnen waren den Mordkommandos der SS oder den Vernichtungslagern zum Opfer gefallen, einige wenige hatten es geschafft, sich rechtzeitig durch Flucht in Sicherheit zu bringen. Viele von ihnen kehrten nicht in ihre Heimatländer zurück. Eine zweitausend Jahre lange Kultur jüdischen Lebens in Europa war unwiderruflich zerstört.

    Deutschland, das Land, von dem aus die Katastrophe ihren Ausgang genommen hatte, lag am Boden. Es war vollständig von seinen ehemaligen Kriegsgegnern, den USA, Großbritannien und der Sowjetunion, besetzt. In der vom 17. Juli bis 2. August 1945 stattfindenden Potsdamer Konferenz berieten diese über das Schicksal des Landes. Mehr als 10 Millionen Deutsche befanden sich in alliierter Kriegsgefangenschaft, die letzten von ihnen sollten erst über zehn Jahre später aus der Sowjetunion zurückkehren. Zudem waren mehr als sieben Millionen aus ihrer Heimat im Osten geflohen oder vertrieben worden. Bis 1947 würden insgesamt über 12 Millionen Deutsche ihre angestammten Wohnorte verlassen müssen.

    Überdies hatten viele Deutsche bis zum Schluss an Hitler und sein Versprechen eines „Endsieges“ geglaubt und fühlten sich nun betrogen. Dennoch dürfte zumindest die Erleichterung über das Ende der Kämpfe sehr weit verbreitet gewesen sein, zumal bereits der Kriegsausbruch 1939 keine Begeisterung in der Bevölkerung ausgelöst hatte.

    Befreit allerdings dürften sich damals nur die wenigsten gefühlt haben. Zu ungewiss war das weitere Schicksal des Landes und jedes Einzelnen, nicht zuletzt, weil auch nach Kriegsende die Gewalt allgegenwärtig war. Insbesondere in der sowjetischen Besatzungszone waren Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen an der Tagesordnung. Zudem hatten die Alliierten für die Befreiung Europas von der deutschen Schreckensherrschaft und nicht für die Befreiung Deutschlands gekämpft. Es war wenig verwunderlich, dass die meisten Deutschen das nicht anders sahen.

    Es vergingen Jahrzehnte, ehe sich dieses Bild langsam wandelte. Wichtigster Grund war neben der immer besseren Erforschung des Dritten Reichs und der damit einhergehenden Verbreitung des wahren Charakters der NS-Diktatur vor allem die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik. Während der Topos von der „Befreiung vom Faschismus“ in der DDR von Beginn an Teil der Staatsräson war, obwohl diese Befreiung nicht die Freiheit, sondern eine neue, wenngleich in ihrem Schrecken nicht vergleichbare Diktatur gebracht hatte, formulierten die politischen Eliten im demokratischen Westdeutschland vorsichtiger. Der spätere Bundespräsident Theodor Heuss sprach 1946 von der „fragwürdigsten Paradoxie der Geschichte“. Deutschland sei „erlöst und vernichtet in einem“.

    Mit zunehmender Prosperität der Bundesrepublik, mit wachsender Akzeptanz für Demokratie und Soziale Marktwirtschaft, reifte auch in der Bevölkerung die Erkenntnis, dass der 8. Mai 1945 nicht so sehr das Ende des Deutschen Reichs, sondern vielmehr der Anfang des besten Staates auf deutschem Boden gewesen war. Das galt jedoch nur für den westlichen Teil Deutschlands, nicht für die DDR. Helmut Kohl fasste dies in seiner Rede, die er am 21. April 1985 im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen hielt, prägnant zusammen: „Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung. Nicht allen aber verhieß er, wie es sich rasch erwies, neue Freiheit.“ Wenig später sprach auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes vom 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“.

    Heute, 70 Jahre nach diesem Ereignis, dürfte wohl kaum jemand in Frage stellen, dass der Zusammenbruch des Dritten Reichs nicht nur für Europa und die Welt, sondern auch für die Deutschen selbst ein Segen war. Dies gilt umso mehr, seit dank der Wiedervereinigung 1990 alle Deutschen in einem demokratischen Staat in Freiheit und Wohlstand leben können.

     

    Alexander Brakel

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    Generaloberst Alfred Jodl, zuvor von Karl Dönitz dazu autorisiert, unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht am 7. Mai 1945 in Reims
  • Gründung der CDU in Berlin

    Überlebende des Widerstandes, der christlichen Gewerkschaften, aus dem Liberalismus, dem Zentrum und der Bekennenden Kirche berieten nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Frühjahr 1945 im zerstörten Berlin die Gründung einer überkonfessionellen Partei.

    Führend war neben dem vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilten ehemaligen Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Andreas Hermes, auch der zum Umfeld des 20. Juli gehörende Gewerkschafter Jakob Kaiser. Die Beratungen in Berlin – einem der „Gründungskerne“ der Union (Hans-Otto Kleinmann) – waren nicht im regionalen oder zonalen Rahmen gedacht, sondern als Keimzelle einer zukünftigen reichsweiten Partei. Die Möglichkeit zur politischen Arbeit bot sich überraschend schnell, da die sowjetische Besatzungsmacht schon am 10. Juni 1945 die Gründung „antifaschistischer“ Parteien erlaubte. Zumindest die KPD rechnete allerdings mit einer Wiedergründung des Zentrums, wie ihr Aufruf vom 11. Juni 1945 zeigte.

    Die konfessionellen und sozialstrukturellen Voraussetzungen für die Gründung einer christlichen Partei in der Sowjetischen Besatzungszone waren schwierig: Mitte 1945 hielten sich schätzungsweise vier Millionen Vertriebene, Flüchtlinge und Bombenevakuierte auf dem Gebiet der SBZ auf, die meisten davon waren auf dem Weg in die Westzonen. Konfessionell war das Gebiet der späteren SBZ 1939 noch zu etwa 90% protestantisch geprägt, einen nennenswerten Anstieg der Katholiken gab es durch die kriegsbedingten Wanderungsbewegungen auf 12,2% der Bevölkerung im Jahr 1946. Dies war insofern bedeutsam, als in der ersten Phase der Unionsgründung die Initiative vielerorts von ehemaligen Zentrumsmitgliedern ausging.

    Die CDUD als demokratischer Gegenspieler von SED und SMAD 1945-1947

    Erster Vorsitzender der CDUD in der SBZ wurde deshalb das frühere Zentrumsmitglied Andreas Hermes, sein Stellvertreter der Protestant Walther Schreiber. Hermes geriet schon bald mit der Besatzungsmacht über die im Sommer 1945 dekretierte entschädigungslose Enteignung von Großgrundbesitz in Konflikt. Sein Widerstand gegen die sowjetischen Vorgaben und auch gegen die Abtrennung der ehemaligen deutschen Ostgebiete führten zu seiner Ablösung als CDUD-Vorsitzender im Dezember 1945.

    Der Nachfolger Jakob Kaiser akzentuierte die Programmatik der Union in der SBZ in Richtung des "Sozialismus aus christlicher Verantwortung". Die inhaltlich nicht völlig klar definierte Bezeichnung umschrieb eine Orientierung an der katholischen Soziallehre. Der „christliche Sozialismus“ erwies sich als wirksame Waffe in der Auseinandersetzung mit der Anfang 1946 gegründeten SED und der sowjetischen Besatzungsmacht, die sich ideologisch auf eine Partei einstellen mussten, die den Sozialismus-Begriff ebenfalls für sich reklamierte. Außerdem betonte Kaiser die Vermittlungsfunktion der CDUD zwischen Ost und West: „Wir haben Brücke zu sein“.

    Bei den noch halbwegs freien Gemeinde-, Kreis- und Landtagswahlen im Herbst 1946 konnte die Union in der SBZ zwischen 10% und 25% der Stimmen auf sich vereinen. Dies war weniger, als sie selbst erwartet hatte, aber respektabel angesichts der andauernden Behinderung durch die sowjetischen Militärmacht. Die CDUD vermutete in einer internen Wahlanalyse, dass etlichen Wählern aus dem bürgerlichen Lager der "christliche Sozialismus" suspekt gewesen sei.

    Der Wahlerfolg und seine unumstrittene Führungsrolle in der ostzonalen Union gaben Kaiser den nötigen Rückhalt, um 1946/47 in vielen Punkten der SED-Politik die Zustimmung zu verweigern. Sein gesamtdeutscher Führungsanspruch ebenso wie die Vorstellungen des "christlichen Sozialismus" fanden allerdings in den westdeutschen CDU-Gliederungen keine Mehrheit. Als Kaiser im Spätherbst 1947 die Mitarbeit beim "Deutschen Volkskongreß", einem von der SED initiierten Delegiertenparlament, verweigerte, wurde er von der SMAD abgesetzt. Da er um seine persönliche Sicherheit fürchten musste, wich er in die Westsektoren Berlins aus. In den folgenden Monaten kam es zu einer tiefgreifenden politischen Säuberung in der ostdeutschen CDU, die über Mandatsentzug bis zur Verhaftung und Verurteilung durch ein sowjetisches Militärtribunal reichen konnte. Von den 35 Unterzeichnern des Berliner Gründungsaufrufs befanden sich 1950 nur noch zwei in der DDR.

    Illusionen in der Parteiführung: Nuschke und Dertinger

    Machtpolitisch geriet die CDUD ins Hintertreffen, als SED und SMAD die Gründung der „Demokratischen Bauernpartei Deutschlands“ (DBD) 1948 durchsetzten. Ziel der Kommunisten war es, durch die Etablierung dieser Klientelpartei den Rückhalt der Union in den ländlichen Gebieten zu schwächen. Wenn auch innerhalb der DBD bei einzelnen Mitgliedern auf unterer Ebene durchaus eigene politische Initiativen nachweisbar sind, so blieb sie doch in erster Linie der verlängerte Arm der SED.

    Neuer Parteivorsitzender wurde nach Kaisers Absetzung das ehemalige Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, Otto Nuschke. Nuschke, nach der Gründung der DDR 1949 Stellvertretender Ministerpräsident, konzentrierte sich auf die Kirchenpolitik und versuchte dort im Rahmen seiner Möglichkeiten für die Kirchen und in Einzelfällen bei Verhaftungen helfend tätig zu werden. Die Partei wurde in dieser Phase maßgeblich von Georg Dertinger gelenkt. Dertinger, der erste Außenminister der DDR, hegte aufgrund seiner guten Kontakte zur sowjetischen Besatzungsmacht Illusionen über seinen politischen Spielraum. Er versuchte, über eine forcierte Wiedervereinigungspolitik der Eingliederung der DDR in den sowjetischen Machtbereich entgegenzuwirken. Schon im Vorfeld der DDR-Gründung hatte er sich bemüht, Kontakte zwischen dem Parlamentarischen Rat und dem „Volkskongreß“ anzubahnen. Die Ablehnung der Stalin-Note im März 1952 bedeutete das Scheitern dieses Konzepts. Obwohl er noch auf dem 6. Parteitag der CDUD im Oktober 1952 die „führende Rolle“ der SED anerkannte, wurde er im Januar 1953 verhaftet und später zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Dertinger und Nuschke sind demnach wohl weniger einseitig negativ zu bewerten, als dies die zeitgenössische bundesdeutsche Publizistik tat. Dennoch trugen beide eine maßgebliche Verantwortung für die Gleichschaltung der CDUD.

    Die CDUD unter Gerald Götting

    Nach dem Sturz Dertingers wurde Gerald Götting die eigentlich beherrschende Figur der Partei. Götting, der als rücksichtsloser Opportunist beschrieben wird, ordnete als Generalsekretär (1949-66) und Parteivorsitzender (1966-89) die Partei völlig der Linie der SED unter. Der Rückzug eines Großteils der Parteimitglieder der ersten Stunde - bereits 1950 hatte die CDUD etwa 25% ihrer ursprünglichen Mitglieder verloren - wurde teilweise durch die Bestellung von hauptamtlichen Parteifunktionären ausgeglichen, die natürlich ganz anders an die Vorgaben der Parteiführung gebunden waren. Der Anspruch auf wesentliche Mitgestaltung in der Politik wurde aufgegeben, man sah sich selbst als Transmissionsriemen der Staatspartei. Ein ausuferndes Berichts- und Kontrollwesen sowie ausgedehnte, in der Mitgliedschaft unbeliebte Parteischulungen sollten die Durchsetzung der Parteilinie sicherstellen. Die Folgen der Gleichschaltung der Partei zeigten sich auch in der Entwicklung der Mitgliedschaft: Sie sank von 218.000 Parteimitgliedern 1948 auf nur noch 135.000 im Jahre 1989.

    Neuere Forschungen belegen, dass die CDUD in der DDR seit Anfang der 1950er Jahre zunehmend zum Ausspähungsobjekt für das MfS wurde. Dabei ergänzte die Informationsbeschaffung mit geheimdienstlichen Mitteln die offene Kontrolle durch die SED, die auf allen Ebenen jeweils Informationsberichte der entsprechenden CDU-Mitarbeiter erhielt. Auch relativ unwesentliche Personalentscheidungen wie etwa die Einstellung von Kreissekretären unterlagen damit der Zustimmung der Kommunisten.

    In West-Berlin und der Bundesrepublik sammelte die Exil-CDU, die aus Jakob Kaisers Berliner Büro hervorgegangen war, Informationen über oppositionelle Aktivitäten in der CDUD. Relativ schnell stieß diese Tätigkeit jedoch angesichts der deutlich zunehmenden Repression des MfS an ihre Grenzen.

    Politische Eigenständigkeit zeigte die CDUD unter der Ägide Götting nicht; auch die Verweigerung der Zustimmung von 14 der 22 Abgeordneten der Volkskammerfraktion der Partei zum Abtreibungsgesetz 1972 bedeutete keinen politischen Widerstand, sondern war angesichts der Stimmenverhältnisse bedeutungslos. Unterhalb der Funktionärsebene hat der "Eigensinn" (Manfred Agethen) vieler Mitglieder jedoch in den Augen von Parteiführung und SED ein Problem dargestellt, wie die dichte Überwachung nahelegt.

    Die der CDUD im politischen System der DDR zugedachte Rolle, das Verhältnis zu den Kirchen zu stabilisieren und Christen in den Sozialismus einzubinden, erfüllte die Partei seit den 1950er Jahren immer weniger. In der katholischen Kirche in der SBZ/DDR gab es seit dem Sturz Kaisers eine vom Berliner Kardinal Konrad von Preysing vorgegebene klare Abgrenzung gegenüber der Partei, die die jeweiligen Bischöfe und Jurisdiktionsträger auch gegenüber den einzelnen Geistlichen durchsetzten. Ausnahmen davon gab es im thüringischen Eichsfeld und im Gebiet der katholischen Sorben; freilich war hier das Eigenleben der Union bis in die 1980er Jahre hinein auch vergleichsweise groß. In den evangelischen Landeskirchen stellte sich die Situation uneinheitlicher dar: Mit der SED kollaborierende Bischöfe wie Moritz Mitzenheim in Thüringen standen der Ost-CDU näher als etwa der strikt antikommunistische Berliner Bischof und langjährige EKD-Ratsvorsitzende Otto Dibelius. Einzelne evangelische Geistliche ließen sich aus den unterschiedlichsten Motiven auf eine Zusammenarbeit mit der CDUD ein. Allerdings verringerte sich die Bereitschaft zur Kooperation drastisch, je deutlicher seit der Einführung der Jugendweihe 1954 wurde, dass die SED die Kirchen aus der Gesellschaft verdrängen wollte.

    Die Wende: Selbstreinigung, Zusammenschluss mit der westdeutschen CDU und Neubegründung der ostdeutschen Landesverbände

    In den 1980er Jahren gab es wenig politische Veränderung innerhalb der CDUD; auch die Union war von der Lähmung der späten Honecker-Jahre nicht unberührt. Lediglich in der Kultur- und Umweltpolitik versuchte die Partei eigene Felder zu besetzen, freilich immer in SED-konformen Bahnen.

    In der friedlichen Revolution 1989 zeigte sich dann jedoch sehr schnell, dass die CDUD trotz des gleichgeschalteten Parteiapparates und der SED-hörigen Führung unter Gerald Götting durchaus Mitglieder mit demokratischen Vorstellungen besaß, die einen Neuanfang wagten. Im "Brief aus Weimar" vom 10. September wurde sehr früh ein personeller und programmatischer Neuanfang gefordert und mit dem erzwungenen Rücktritt Göttings am 2. November 1989 auch eingeleitet. Unter Lothar de Maizière begann die Selbstreinigung der Partei.

    Unterstützt wurde dieser Prozess durch die westdeutsche Union. Dort war eine Zusammenarbeit mit der CDUD lange umstritten, bis deutlich wurde, dass es sich wirklich um einen Neuanfang handelte. Die CDU-Führung unter Helmut Kohl traf die strategische Entscheidung, für die Volkskammerwahl in der DDR am 18. März 1990 einerseits klar auf einen politischen Wandel zu setzen. Andererseits versuchte man aber auch die logistischen Möglichkeiten der CDUD zu nutzen, in dem auf Kohls Anregung CDUD, Demokratischer Aufbruch (DA) und Deutsche Soziale Union (DSU) in der "Allianz für Deutschland" kooperierten. Nach der gewonnenen Wahl ließen sich durch den Zusammenschluss mit dem DA die reformorientierten Kräfte in der CDUD stärken. Den Rahmen für den Neuaufbau bildeten die Landesverbände in den neuen Bundesländern, deren Gründung im Herbst 1990 vorbereitet wurde. Im September 1990 trat dann noch die DBD der CDU bei. Seit dem Zusammenschluss von ost- und westdeutscher CDU auf dem 38. Bundesparteitag am 1.-2. Oktober 1990 in Hamburg hat ein deutlicher Wandel in der Mitgliederstruktur eingesetzt: 82% der Mitglieder der ostdeutschen Landesverbände sind erst nach der Wende in die CDU eingetreten (Stand September 2008).

    Fazit

    Unter Jakob Kaiser war die CDU in der SBZ die wohl aktivste Vertreterin eines demokratisch motivierten Widerstands gegen die Stalinisierung. Unter Nuschke und Dertinger begannen die parteiinternen Säuberungen. Der Gleichschaltungsdruck führte zugleich zu sukzessivem Mitgliederschwund. Unter Gerald Götting verfestigte sich bei der CDUD die Rolle einer Erfüllungsgehilfin der SED. Die Umstellung der politischen Arbeit auf hauptamtliche Kräfte sorgte für eine mehr oder weniger reibungslose Umsetzung der Direktiven der Parteiführung, und die Durchsetzung mit Spitzeln des MfS machte politische Unmutsäußerungen auch unter „Unionsfreunden“ gefährlich. Im politischen System der DDR der 1960er und 1970er Jahre schloss die Mitgliedschaft in der CDUD Spitzenpositionen in Staat und Gesellschaft weitgehend aus, bot aber auch als Nachweis der Staatsloyalität Schutz vor weitergehenden Pressionen. In diesem Sinne sicherte die CDUD auch Nischen, in denen die christdemokratische Weltanschauung überdauern konnte. Als Ganzes jedoch war die CDUD Teil des von der SED beherrschten Regimes. Trotzdem hatten sich die Mitglieder der CDUD, wie die Selbstreinigung 1989/90 zeigt, genügend demokratisches Potential bewahrt, um den Erneuerungsprozess der Partei einzuleiten. Durch diese Erneuerung, den Zusammenschluss mit dem DA und den Beitritt neuer Mitgliedergruppen setzte seit 1990 ein weitgehender Mitgliederwandel in den neubegründeten ostdeutschen Landesverbänden ein.

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    14. CDU-Parteitag 1977 in Dresden
  • Volksaufstand in Ost-Berlin und in der DDR

    Die Bauarbeiter in der Ost-Berliner Stalinallee gaben das Signal für einen Volksaufstand, der am folgenden Tag fast die gesamte DDR erfasste.

    Als am Morgen des 16. Juni 1953 die Bauarbeiter in der Ost-Berliner Stalinallee die Arbeit niederlegten und eine Abschaffung der erhöhten Arbeitsnormen forderten, war dies das Signal für einen Volksaufstand im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands, der am folgenden Tag fast die gesamte DDR erfasste. Allerdings kam dies mitnichten unerwartet: seit der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952, bei der der starke Mann der SED, Walter Ulbricht, den „beschleunigten Aufbau des Sozialismus“ in der DDR verkündete, hatte sich die Wut in der ostdeutschen Bevölkerung aufgebaut.

    Der Weg zum 17. Juni

    Im Frühjahr 1952 lehnte die von Konrad Adenauer geführte Bundesregierung die Offerte der Stalinnote ab, Verhandlungen mit dem Ziel gesamtdeutscher Wahlen und einem neutralisierten, vereinigten Deutschland aufzunehmen. Vor dem Hintergrund der sowjetischen Politik der Nachkriegsjahre ging Adenauer nicht von einem ernstgemeinten Angebot Stalins aus. In der DDR war diese Ablehnung der Vorwand, auf der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 in Ost-Berlin den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ zu forcieren. Die Schwerindustrie sollte massiv zu Lasten insbesondere der Konsumgüterindustrie und der noch in Privathand befindlichen Betriebe ausgebaut werden, die Aufrüstung der DDR beschleunigt und die ideologischen Gegner bekämpft werden.

    In den folgenden Monaten, besonders seit Jahresanfang 1953, verstärkte sich die Repression. Die Bauern wurden durch kaum erfüllbare Ablieferungszwänge, die sich nicht an den tatsächlichen Erträgen orientierten, zum Eintritt in die „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“ (LPG) gezwungen, Verweigerer massiv unter Druck gesetzt und häufig polizeilich schikaniert und verfolgt. Ein besonderes Augenmerk der SED galt den Kirchen als dem „letzten organisierten Feind des Sozialismus“. Besonders die Jugendbewegung der Kirchen war der Partei ein Dorn im Auge, da die evangelische „Junge Gemeinde“ und die katholische Pfarrjugend in den „Erweiterten Oberschulen“ sehr großen Zuspruch fanden. Im Frühjahr 1953 wurde deshalb damit begonnen, engagierte Mitglieder der kirchlichen Jugend von den Oberschulen zu relegieren, ein Verfahren, das mit der Kritik vor der versammelten Schülerschaft schon Züge eines Schauprozesses aufwies. Der Vorwurf lautete in der Regel, dass die Mitglieder der „Jungen Gemeinde“ „Agenten der amerikanischen Imperialisten“ seien. (Gut eingefangen hat die Atmosphäre jener Monate Uwe Johnson in seinem autobiographischen Roman „Ingrid Babendererde“.) Wohl mehr als 3000 Oberschüler wurden der Schule verwiesen.

    Die Repression beschränkte sich allerdings nicht nur auf Bauern und Kirchen, auch innerhalb der SED wurde verstärkt nach „Abweichlern“ gefahndet und ein absurder Personenkult um Stalin betrieben. Da außerdem die Finanzlage der DDR immer prekärer wurde und die steigende Zahl der „Republikflüchtigen“ sowie eine forcierte Aufrüstung die Wirtschaft zunehmend belasteten, wurde ein ambitioniertes Sparprogramm aufgelegt. Vergünstigungen wie verbilligte Straßenbahnfahrkarten für Arbeiter wurden abgeschafft und noch am 28. Mai 1953 über die Erhöhnung der Arbeitsnormen zum 1. Juni de facto die Löhne der abhängig Beschäftigten spürbar gekürzt.

    Der Tod des „größten Freundes des deutschen Volkes, des Generalissimus Stalin“, wie ihn die SED-Propaganda betitelte, am 5. März 1953, veränderte die politischen Rahmenbedingungen grundlegend. Innerhalb der KPdSU-Führung brach ein Machtkampf aus, bei dem zunächst der Geheimdienstchef Lawrentij Berija die Oberhand hatte. Berija, der maßgeblich am stalinistischen Terror der 1930er Jahre beteiligt gewesen war, hatte aufgrund seines Informationsvorsprungs eine klare Vorstellung von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Ostblock. Er suchte deshalb, soweit sich seine Konzeption rekonstruieren lässt, die temporäre Entspannung mit den USA, um eine Atempause zur wirtschaftlichen Herrschaftsstabilisierung nutzen zu können. Die Nachrichten aus der DDR, dem wichtigsten, aber auch gefährdetsten sowjetischen Satellitenstaat waren dabei Wasser auf seine Mühlen: der bedrohliche Anstieg von „Republikfluchten“ enteigneter Bauern und relegierter Oberschüler waren für den sowjetischen Hohen Kommissar Wladimir Semjonow klare Warnzeichen, dass eine gewaltsame Erhebung drohte. Zudem gab es innerhalb des SED-Politbüros um den Chefredakteur des „Neuen Deutschland“, Rudolf Herrnstadt, einen ehemaligen Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes, und den MfS-Chef Wilhelm Zaisser eine Gruppierung, die aus machttaktischen Erwägungen die forcierte Sozialisierung kritisierte und vermutlich Berija auf dem Laufenden hielt. Diese Kreise konnten sich zwar innerhalb der SED-Führung zunächst nicht durchsetzen, doch wandte sich das Blatt, als Anfang Juni 1953 Berija die Notbremse zog und das SED-Politbüro zum Rapport nach Moskau einbestellte.

    Der Aufstand

    Der Besuch von Mitgliedern der SED-Spitze in Moskau vom 2. bis 4. Juni 1953 markiert den eigentlichen Wendepunkt in der Vorgeschichte des Aufstandes. Die Parteispitze um Ulbricht wurde nicht im Unklaren darüber gelassen, wer letztlich das Sagen in der DDR hatte, und auf ein Memorandum festgelegt, in dem die sowjetische Parteiführung eindeutig den Rahmen abgesteckt hatte: Die „Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der DDR“ wiesen die SED u.a. an, den Kirchenkampf abzubrechen und die relegierten Oberschüler wieder zuzulassen, den verschärften Aufbau der Schwerindustrie zeitlich zu strecken, das Ablieferungssoll für Bauern abzusenken und die Normerhöhungen zurückzunehmen. Bedenken der ostdeutschen Kommunisten, dass eine so deutliche Kursänderung als Schwäche gedeutet werden könnte, wischten die Sowjets vom Tisch. Der SED, in der Ulbricht jetzt de facto entmachtet war, blieb nichts anderes übrig, als die Vorgaben als „Neuer Kurs“ am 9. Juni selbst zu beschließen und am 11. Juni durch das „Neue Deutschland“ verkünden zu lassen. In einem wesentlichen Punkt setzte die SED die sowjetischen Anweisungen allerdings nicht um: die Normerhöhung wurde nicht zurückgenommen, sondern in der Gewerkschaftspresse sogar noch verteidigt. Mit Vertretern der evangelischen Kirche kam es am 10. Juni zu einem Treffen, dessen Ergebnisse in der Tagespresse verkündet wurden. Die DDR-Bevölkerung, mittlerweile geübt im Zwischen-den-Zeilen-lesen, erkannte das Zurückweichen der Regierung. Die Arbeiterschaft allerdings sah sich benachteiligt, da die Normerhöhungen blieben.

    In den Tagen nach der Verkündung des „Neuen Kurses“ verstärkten sich widerständige Handlungen in der ganzen DDR; sie reichten von der Rückkehr geflohener Bauern über die Selbstauflösung von LPGs bis hin zu ersten politischen Forderungen. Mit der Arbeitsniederlegung der Bauarbeiter an dem Vorzeigeprojekt der DDR, der Bebauung der Ost-Berliner Stalinalle am Vormittag des 16. Juni eskalierte die Situation. Über den westlichen Rundfunk erfuhr bis zum Abend die gesamte DDR-Bevölkerung davon, so dass am nächsten Tag überall gestreikt wurde. Am 17. Juni floh die Parteiführung in den Schutz der sowjetischen Besatzungstruppen und trat politisch nicht in Erscheinung, so dass ein sowjetischer Bericht von „Feigheit und Konfusion“ der SED-Spitze spricht. Demonstranten zogen durch das Regierungsviertel, die Ministeriumsmitarbeiter schlossen sich an, am Brandenburger Tor wurde die rote Fahne heruntergerissen und verbrannt. Der Vorsitzende der Ost-CDU, Otto Nuschke , wurde von Demonstranten nach West-Berlin verbracht und dort der Polizei übergeben.

    In fast allen größeren Industriebetrieben der DDR und Ost-Berlins wurde am 17. Juni gestreikt, häufig auch Streikleitungen gewählt und SED-, FDGB- und FDJ-Funktionäre für abgesetzt erklärt. In den größeren Städten kam es häufig zu Gefangenenbefreiungen, oft wurden die Dienststellen des MfS gestürmt und verwüstet. In der Regel gaben die anwesenden SED-Funktionäre Warnschüsse ab und ergaben sich dann, stellenweise kam es jedoch zu regelrechten Kämpfen, so in Magdeburg mit sechs Toten und etwa 50 Verletzten.

    Eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung der Kenntnisse vom Aufstand und seinem Verlauf spielte der Rundfunk im amerikanischen Sektor, der RIAS. West-Berlin war nicht nur das „Schaufenster der freien Welt“, sondern auch der über die Sektorengrenze erreichbare Schutzraum für die Aufständischen. Die kommunistischen Machthaber sahen sich mit einer Nachrichtenquelle konfrontiert, die bei der DDR-Bevölkerung ungleich höheres Ansehen als der Rundfunk der DDR genoss und ungeschminkt über die Missstände in Ost-Berlin informierte.

    Sieht man sich die regionale Verteilung der Streiks und Aufstandshandlungen an, so ergibt sich eine frappierende Übereinstimmung mit den späteren Schwerpunkten der „Friedlichen Revolution“ 1989. Es wurde die ganze DDR erfasst, überall lassen sich widerständige Handlungen nachweisen, doch gibt es eine klare Nord-Süd-Zunahme der Dichte dieser Handlungen. Die Schwerpunkte lagen in den Berliner Baustellen, dem Berliner Industriegürtel und den thüringer und sächsischen Bezirken. In zwei sächsischen Ortschaften, Görlitz und Niesky, schlug der Aufstand sogar in eine regelrechte Revolution um, da dort die Bürgermeister abgesetzt und eigene überbetriebliche Streikleitungen etabliert wurden.

    Aus den Akten der Volkspolizei lassen sich recht genau die Forderungen der Aufständischen rekonstruieren. Es begann fast immer mit begrenzten, lokalen Forderungen, etwa bei den Bauarbeitern mit der Forderung nach Aufhebung der Arbeitsnormen oder auf dem Land nach der Auflösung der LPGs, der Senkung des Ablieferungssolls für freie Bauern etc. Innerhalb weniger Stunden wandelte sich dies zu allgemeinpolitischen Forderungen nach freien Wahlen, der deutschen Einheit und insbesondere der Ablösung der SED- und Staatsspitze: „Weg mit Bart und Brille, das ist des Volkes Wille!“ hieß es oft mit Bezug auf die Brille des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl und den Spitzbart Walter Ulbrichts.

    Eine besondere Rolle während des Aufstandes spielte die Kasernierte Volkspolizei (KVP). Dabei handelte es sich in Wirklichkeit um die Streitkräfte der DDR, die im Rahmen eines geheimen Aufrüstungsprogramms ausgebildet und von der Sowjetunion mit größtenteils veralteten Waffen ausgerüstet wurden. Da der Ausbildungsstand niedrig war und ein wesentliches Motiv vieler KVP-Angehöriger im vergleichsweise hohen Sold und den Lebensmittel-Zuteilungen zu suchen war, erwies sich ihr Einsatz während des Aufstandes als wenig effektiv. Gleiches ergaben auch interne Überprüfungen der verschiedenen regulären Volkspolizei-Einheiten nach dem Aufstand: in etlichen Fällen hatte es klare Sympathiebekundungen von VP-Angehörigen mit Aufständischen gegeben, oft hatten sich die Volkspolizisten die Waffen abnehmen lassen und – aus der SED-Perspektive – nicht entschieden genug regiert. Ein oft von Demonstranten geäußerter Vorwurf war, dass sich die Volkspolizei zum Handlanger der Besatzungsmacht machen würde, was schon ihr Erscheinungsbild zeige: „Jungs, zieht doch die Russenuniformen aus!“ Die spätere Ausrichtung der „Nationalen Volksarmee“ der DDR, die sich viel offener als die Bundeswehr an deutsche Militärtraditionen anlehnte, trug diesen Erfahrungen Rechnung.

    Ohne den Einsatz der sowjetischen Armee wäre der Aufstand wohl nicht gescheitert, da sich die Machtmittel des SED-Regimes nur als bedingt einsatzbereit erwiesen. Die Sowjets rückten mit Panzertruppen in den größeren Städten der DDR bzw. in Ost-Berlin ein und besetzten die Stadtzentren und die wichtigsten Industriebetriebe und verkündeten den Ausnahmezustand. Dieser Aufmarsch beendete de facto den Aufstand. Auch nach Einschätzung ihrer sowjetischen Beschützer, das geht aus den seit einigen Jahren publizierten sowjetischen Geheimdienstberichten zum 17. Juni hervor, wäre die SED nicht in der Lage gewesen, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. Stellenweise kam es zu Schüssen auf Demonstranten. Trotz der heute präsenten Bilder von Panzern waren Straßenkämpfe nicht das beherrschende Szenario und das Vorgehen der Roten Armee eindeutig von dem Befehl geprägt, sowenig Gewalt wie möglich anzuwenden. Die Gesamtzahl von unter hundert Toten, von denen man mittlerweile ausgeht, war – gemessen an der Anzahl der Demonstranten und Streikenden – eher gering. Wäre ein vergleichbarer Aufstand in der UdSSR selbst ausgebrochen, wäre wohl sofort rücksichtslos in die Menge geschossen worden – was in der DDR nicht geschah. In Ost-Berlin, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, hielt sich die Besatzungsmacht deutlich zurück.

    Die Folgen

    Der Aufstand vom 17. Juni 1953 hatte auf fast allen Feldern der DDR-Politik weitreichende Folgen. Innerhalb der SED war paradoxerweise der zurückhaltendere Kurs der Gruppe Herrnstadt/Zaisser diskreditiert, und auch in der Sowjetunion trug der Aufstand zum Sturz Berijas am 26. Juni 1953 bei. Der eigentlich schon abgelöste Walter Ulbricht wurde ungewollter Weise von den Aufständischen gerettet. Ulbricht hatte allerdings die sowjetische Warnung verstanden und setzte die Anweisungen, die Anfang Juni in Moskau ergangen waren, nach dem Aufstand auch um. Soweit zu ersehen, wurden die noch in der DDR befindlichen, relegierten Schüler wieder auf den Schulen zugelassen, der offene Kirchenkampf wurde eingestellt und auch die mit den Kirchen vereinbarten Punkte umgesetzt. Die Aufständischen, die sich nicht in die Bundesrepublik oder die Berliner Westsektoren absetzen konnten, wurden zu harten Strafen verurteilt. Allerdings gab es vergleichsweise wenig Verfahren, v.a. wenn man bedenkt, dass es am 17. und 18. Juni schon etwa 1500 Verhaftungen gab. Grundsätzlich reden fast alle Augenzeugenberichte von einem überaus vorsichtigen Vorgehen von Partei und Volkspolizei nach dem 17. Juni. Auch in den Haftanstalten, etwa im berüchtigten „gelben Elend“ in Bautzen, führte die Furcht vor einem neuen Aufstand zu einer phasenweise deutlichen Verbesserung der Haftbedingungen. In der DDR-offiziellen Deutung wurde aus dem Volksaufstand schnell der „Tag X“, an dem „westliche Agenten“ und „faschistoide Elemente“ in der DDR einen „konterrevolutionären Putsch“ angezettelt hätten. Als Reaktion auf das – aus SED-Perspektive – „Versagen“ der Sicherheitskräfte wurde die Staatssicherheit massiv ausgebaut und mit den „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ eine Art Betriebsmiliz geschaffen, die zukünftig Aufstände verhindern sollte. 1989 waren es allerdings gerade die „Kampfgruppen“, die häufig den Einsatz gegen friedliche Demonstranten verweigerten.

    In der Bundesrepublik legitimierte der Aufstand im Nachhinein Adenauers Ablehnung der Stalinnote und trug zur Überzeugung bei, dass eben „Freiheit vor Einheit“ erreicht werden müsse. Der deutliche Wahlsieg der Union in den Bundestagswahlen vom September 1953 war auch eine Reaktion auf die Niederschlagung des Volksaufstandes. Sehr bald wurde von linker Seite versucht, aus der Volkserhebung einen reinen „Arbeiteraufstand“ zu machen, doch zeigt die Forschung deutlich, dass die gesamte DDR-Bevölkerung gegen die SED-Diktatur aufbegehrt hatte. In dieser Hinsicht ergibt sich eine Linie zwischen dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und der Friedlichen Revolution 1989.

     

    Literaturreport:

    Zum 60. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR sind einige neue Publikationen erschienen:

    Eine wichtige Quelle zur politischen Sozialgeschichte der DDR ist die von Daniela Münkel im Auftrag des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR herausgegebene Edition „1953. Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung“ (Göttingen 2013). Der 17. Juni 1953 wird darin als doppeltes Trauma der DDR-Geschichte verstanden: Einerseits als Trauma einer unvollendeten Revolution, sodann als Trauma der SED-Funktionselite, der das Volk abhanden kam. Dieses Trauma verschärfte nicht nur die Krise, sondern beherrschte auch die folgenden Jahre die Politik in der DDR. Insofern ist das Jahr 1953 eine Zäsur, zumal nach dem Volksaufstand die Professionalisierung des Ministeriums für Staatssicherheit voranschreitet. Die Edition versammelt Lage-Berichte zum Juni-Aufstand. Thematisch geht es um politische Konfliktherde, Versorgungsprobleme und die Stimmung in der Bevölkerung. Die Edition, die auf einer beigefügten CD-Rom komplett abrufbar ist, wird ergänzt durch kurze Kommentare zu Begriffen, Ereignissen und einzelnen Sachverhalten.

    Jens Schönes populärwissenschaftliches und gut lesbares Buch „Volksaufstand. Der 17. Juni 1953 in Berlin und der DDR“ (Berlin 2013) liefert einen gut bebilderten und durch Dokumente angereicherten Überblick über die Geschehnisse des 17. Juni 1953. Das Buch ist auf Grund der Konzentration auf wesentliche Aspekte und der Übersichtlichkeit eine ideale Einführung in das Thema.

    Dies gilt auch für Ilko-Sascha Kowalczuks Publikation „17. Juni 1953“ in der C.H. Beck-Reihe Wissen (München 2013). Geschichtspolitische Aspekte aufgreifend geht es der Frage nach dem Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte nach. Allerdings sei die Frage nach dem Ort des Volksaufstands innerhalb der europäischen Geschichte, so der Autor, sei bis dato nicht wirklich gestellt worden. Auch Aspekte des kollektiven Gedächtnisses sind seiner Meinung stärker als bisher geschehen hervorzuheben.

    In Andreas H. Apelts herausgegebenem Band „Neuanfang im Westen 1949-1989. Zeitzeugen berichten“ (Halle 2013) kommen bekannte und weniger bekannte Menschen zu Wort, die aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet, ausgereist oder freigekauft worden sind. Dabei handelt es sich um persönliche Lebensgeschichten, die allesamt den Wunsch nach Freiheit zum Ausdruck bringen. Der 17. Juni 1953 war, so heißt es, „die erste Rebellion gegen eine Diktatur … Eine Tatsache, die wir vergessen haben. Deshalb ist es uns so leicht gefallen, diesen Feiertag abzuschaffen. Der Aufstand zerschellte an sowjetischen Panzern. Das Scheitern war folgenreich. Damals verankerte sich ein Vergeblichkeitsbewusstsein in den Köpfen der Zeitgenossen in der DDR … Wer in der DDR essenziell und grundlegend verändern möchte, prallt gegen Panzerplatten. Und die sind in der Sowjetunion gehärtet worden.“

    Hans Bentzien, Kulturminister unter Walter Ulbricht, liefert in „Was geschah am 17. Juni?“ (Berlin 2013) in dritter Auflage die Hintergründe, die zum Aufstand am 17. Juni 1953 führten. Das Buch fokussiert zudem unterschiedliche Strömungen innerhalb der Aufständischen und geht der Frage nach, was aus dem 17. Juni geworden ist. Bentziens Antwort: Einst verdrängt, rückt der 17. Juni 1953 spätestens seit dem 50. Jahrestag verstärkt ins öffentliche Bewusstsein als ein Tag, der die deutsch-deutsche Geschichte maßgeblich geprägt hat.

    Bereits der 50. Jahrestag des Volksaufstands löste eine neue Publikationswelle aus:

    Hubertus Knabes umfassende Monografie „17. Juni 1953. Ein deutscher Aufstand“ (München 2003) unterstreicht die Feststellung, der 17. Juni 1953 sei ein Schicksalstag in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es gelingt Knabe, in einer flüssig geschriebenen Darstellung auch dem wissenschaftlichen Anspruch an das Thema zu genügen. Zwei Bildtteile, ein Ortsregister und eine Karte mit den Schauplätzen des Volksaufstands komplettieren diese hervorragende Einführung. Knabe interpretiert den 17. Juni nicht nur als Schlüsselereignis der deutschen Geschichte; er vergleicht darüber hinaus die Massenerhebung der Arbeiter 1953 mit dem von der Kirche initiierten Widerstand am 9. November 1989.

    Auch der von Hans-Joachim Veen herausgegebene Sammelband „Die abgeschnittene Revolution. Der 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte“ (Köln u.a. 2004) charakterisiert den 17. Juni 1953 als Schlüsseldatum der deutschen Geschichte. Der Band erschien in einer Schriftenreihe der Stiftung Ettersberg: Europäische Diktaturen und ihre Überwindung. Der von der SED vorgenommene abrupte Kurswechsel („Neuer Kurs“), Anfang Juni von Moskau diktiert, war, so das Fazit des Bandes, nicht zuletzt eine Folge der ökonomischen Probleme. Ohnehin war die Wirtschaft die „Achillesferse“ des kommunistischen Systems. Hans-Peter Schwarz sieht im 17. Juni eine „unvollendete, frühzeitig kupierte Revolution“, die diese Achillesferse erfolglos attackiert. Erfolglos ist sie laut Lutz Niethammer vor allem deshalb, weil es in der DDR keine alternative politische Elite gab, die die Revolution hätte zu Ende führen können.

    Unter besonderer Berücksichtigung der militärhistorischen Aspekte widmet sich Torsten Diedrich in „Waffen gegen das Volk. Der 17. Juni in der DDR“ (München 2003) den Ursachen, dem Verlauf und den Folgen der deutschen Demokratiebewegung. Der 17. Juni wird als Erhebung gegen das stalinistische Gesellschaftssystem gedeutet. Er sei ein Albtraum der Herrschenden gewesen. Die Etablierung des inneren Sicherheitssystems in der Folgezeit sei ein Resultat dieses Traumas, „welches die herrschende Arbeiterregierung als offenkundige Delegitimierung durch das Volk erlebte.“ Die gesteigerte Bedrohungsperzeption der SED-Führung sei ablesbar an den Mechanismen der Überwachung und der gesteigerten Kontrolle über das Volk. „Mit Zuckerbrot und Peitsche“ habe die SED fortan die DDR regiert.

    Das von Bernd Eisenfeld und anderen publizierte Buch „Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte“ (Bremen 2004) ist eine überaus komplexe Darstellung über die langfristigen Wirkungen des 17. Juni. Auch hier wird ein Vergleich mit dem 9. November 1989 gezogen und eine zeithistorische Kontextualisierung vorgenommen. Das Buch trägt zahlreiches empirisches Material zusammen und liefert einige Erklärungsmodelle des Totalitarismus. Es bietet zudem eine Rezeptionsgeschichte und fragt nach der Bedeutung des 17. Juni 1953 in der Gegenwart. Ein umfangreicher Bildteil inklusiver ästhetischer Auseinandersetzungen rundet den Band ab.

    Thomas Flemmings Buch mit dem provokanten Titel „Kein Tag der deutschen Einheit. 17. Juni 1953“ (Berlin 2003) geht insbesondere den Reaktionen des Westens auf den Volksaufstand nach und skizziert den Weg der DDR in die Krise, deren Höhepunkt der 17. Juni war. Das Buch behandelt darüber hinaus die Zentren des Aufstands mit Hilfe zahlreicher, wenn auch allgemein bekannter Quellen und Bilder.

    Fazit: Hintergründe, Ablauf und Wirkungen sowie der überwiegende Teil des Bildmaterials sind allgemein bekannt und liefern wenig neue Fakten. Verstärkt schauen Historiker nun allerdings auf die ländlichen Regionen, in denen der Aufstand stattfand. Einzelne Aspekte, Zeitzeugenberichte und Quellen, die bislang wenig Berücksichtigung fanden, werden stärker betont und komplettieren unser Bild vom 17. Juni 1953 als einem Schicksalstag der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte.

    Weitere Literatur:

    • Ein Aufstand für die Freiheit. 17. Juni 1953, hrsg. v. Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., Sankt Augustin 2003.
    • Sabine Bergmann-Pohl u. a., Podiumsdiskussion: 1953-1989. Deutschland auf dem Weg zu Einheit in Freiheit aus Anlass des 50. Jahrestages des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953 in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin, Berlin 2003.
    • Peter Bruhn, „Wir wollen freie Menschen sein!“. 50 Jahre 17. Juni 1953 Bibliographie, Berlin 2003.
    • Roger Engelmann u. Ilko-Sascha Kowalczuk (Hg.), Volkserhebung gegen den SED-Staat. Eine Bestandsaufnahme zum 17. Juni 1953 (Analysen und Dokumente 27), Göttingen 2005.
    • Karl W. Fricke u. Roger Engelmann, Der »Tag X« und die Staatssicherheit. 17. Juni 1953 – Reaktionen und Konsequenzen im DDR-Machtapparat (Analysen und Dokumente 24), Bremen 2003.
    • András B. Hegedüs u. Manfred Wilke (Hg.), Satelliten nach Stalins Tod. Der „Neue Kurs“. 17. Juni 1953 in der DDR. Ungarische Revolution 1956 *(Studien des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin), Berlin 2000.
    • Klaus-Dieter Müller u. a. (Hg.), Der 17. Juni 1953 im Spiegel sowjetischer Geheimdienstdokumente. 33 geheime MWD-Berichte über das Geschehen in der DDR (Zeitfenster. Beiträge der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Zeitgeschichte 4), Leipzig 2008.
    • Wolfgang Tischner, Die Kirchen im Umfeld des Volksaufstands vom 17. Juni 1953, in: Historisch-Politische Mitteilungen, Heft 7 (2000).
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    Sowjetische Panzer beim Volksaufstand am 17. Juni 1953