Mythos: „Die DDR war der bessere deutsche Staat“

Fast dreißig Jahre nach dem Mauerfall wandelt sich das Image der DDR – weg vom Stasi-Staat, hin zu einer Art sozialem Paradies. Selbst bei denen, die die Diktatur noch am eigenen Leib erlebt haben, verdrängen gelegentlich idealisierte Bilder die Lebenswirklichkeit eines diktatorischen Regimes. So wird der Sozialismus „schön geredet“ und ein realistischer Blick auf die DDR-Realität verhindert: Ordnung habe geherrscht, Arbeit habe es genug gegeben, die soziale Absicherung sei umfassend gewesen, die DDR sei das wirtschaftlich leistungsfähigste Land im sozialistischen Lager gewesen, die Sorge für die Jugend habe eine hohe Priorität genossen.

Bei Lichte betrachtet weist die DDR im Vergleich zur Bundesrepublik allerdings erhebliche Defizite in den Bereichen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, ökonomische Effizienz und Innovationsfähigkeit auf. Selbst auf dem Feld sozialer Sicherheit stellt die DDR keine Alternative zur Bundesrepublik dar. Stattdessen brachte sie für Millionen von Menschen leidvolle Erfahrungen aus der Herrschaft einer undemokratischen Partei, einer gegen Grundrechte verstoßenden Umwälzung der Eigentumsverhältnisse sowie einer gewaltsamen Auswechslung der Eliten. Auch die geringere Lebenserwartung der Ostdeutschen gehörte  zum lange fortwirkenden Erbe des Sozialismus. Die Lebenserwartung als wichtiger Indikator gesellschaftlicher Modernität war in der DDR hinter der Entwicklung in der Bundesrepublik zurückgeblieben: 1988 lag sie bei den Männern 2,4 Jahre und bei den Frauen 2,7 Jahre niedriger als in Westdeutschland. Eine Ursache stellt die deutlich höhere Selbstmordrate in der DDR dar (durchschnittlich 2,8 pro 10.000 Einwohner gegenüber 2,0 in der Bundesrepublik). Die jahrzehntelangen Defizite im Lebensstandard und in den Arbeits- und Umweltbedingungen dürften weitere Gründe sein. Unterschiede in den Ernährungsgewohnheiten und in der medizinischen Versorgung werden ebenfalls als Ursachen aufgeführt.