Mythos: „Der Befehl zum Bau der Berliner Mauer kam aus Moskau“

Die SED strebte die Errichtung einer totalitären kommunistischen Gesellschaft an. Dazu gehörte die vollständige Abgrenzung des eigenen Herrschaftsgebietes gegenüber der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin, denn der Aufbau des Sozialismus führte zu einer Massenflucht in Richtung Westen. Wichtige Fluchtmotive waren der Verlust des eigenen landwirtschaftlichen Betriebes durch die Zwangskollektivierung, die Enteignungen von Wirtschaftsunternehmen, der Druck auf Christen, die Furcht vor Repressionen und Willkürmaßnahmen sowie nicht zuletzt der niedrige Lebensstandard. Zwischen 1949 und 1961 verließen etwa 2,6 Millionen Menschen die DDR und Ost-Berlin. Das entsprach einem Sechstel der Bevölkerung.

Abwanderung mit allen Mitteln beenden

Die „Abstimmung mit den Füßen“ und den Aderlass an gut ausgebildeten jungen Arbeitern und Akademikern versuchte das SED-Regime mit allen Mitteln zu beenden. Bereits 1952 hatte die SED-Führung die Grenze der DDR zur Bundesrepublik Deutschland abgeriegelt. Als letztes Schlupfloch für DDR-Bürger, die sich ihre persönlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebensträume in Freiheit erfüllen wollten, blieb nur die offene Sektorengrenze in Berlin. Als Konsequenz forderte SED-Generalsekretär Walter Ulbricht bereits am 28. Februar 1952 sowjetische Spitzenpolitiker auf, die Grenze zu schließen.

SED-Spitze als Triebkraft für den Mauerbau

Die jetzt zugänglichen Akten belegen: Die Moskauer Führungsmacht wollte mit Rücksicht auf die Weltöffentlichkeit die Errichtung einer Mauer quer durch Berlin lange vermeiden. Erst als im Sommer 1961 die Stabilität der SED-Diktatur aufgrund der katastrophalen inneren Verhältnisse ernsthaft gefährdet schien, gab die sowjetische Führung dem Drängen der ostdeutschen Genossen nach und stimmte dem von der SED-Führung geforderten Bau von Sperranlagen an der Berliner Sektorengrenze zu. Die Initiative ging also von der SED-Spitze aus. Aber aufgrund der eingeschränkten Souveränität der DDR und des Viermächtestatus Berlins eine so weitreichende Entscheidung wie den Bau der Mauer am 13. August 1961 nur mit dem Einverständnis Moskaus treffen konnte. Die SED-Führung wusste: Nur durch die Abriegelung vom Westen konnte der selbsternannte „Arbeiter- und Bauernstaat“ seine Existenz sichern. Der Sozialismus in der DDR hatte nur deshalb Bestand, weil die Bevölkerung nicht mehr weglaufen konnte.