Mythos: „Der Amateursport in der DDR war sauber“

In der DDR galten alle Spitzensportler als Amateure. Offiziell besaßen sie jedenfalls ein Arbeitsverhältnis. Die Arbeitgeber, zu denen auch die Nationale Volksarmee (NVA) und das Ministerium des Innern/Polizei sowie das Ministerium für Staatssicherheit gehörten, hatten immer ein großes Herz für ihre athletischen Mitarbeiter. Dafür waren die Sportler sehr dankbar. Ihre Gegenleistung ließ nicht lange auf sich warten. Immerhin zählten der Sportclub Dynamo Berlin, der Armeesportklub Vorwärts Potsdam, die Sportgemeinschaft Dynamo Potsdam und der Armeesportklub Vorwärts Frankfurt/Oder zu den erfolgreichsten Kaderschmieden im Arbeiter- und Bauernstaat. Sehen lassen konnten sich aber auch die Leistungen der Sportstudenten. Schließlich war die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig nicht nur die wichtigste Ausbildungsstätte für künftige Sportwissenschaftler und Trainer, sondern auch Träger des gleichnamigen Sportclubs. Nach Auffassung der SED gäbe es nur in imperialistischen Ländern Profisportler. Weil es dort in der Regel immer um Profitinteressen ginge, verkäme der Leistungssport zu einer Ware. Erst im Sozialismus stünde das Wohl der Sportler im Mittelpunkt der staatlichen Bemühungen. Und gerade diese staatlichen Bemühungen hatten es wirklich in sich. So wurde mit einem gewaltigen finanziellen Aufwand die Professionalisierung des Amateursports betrieben.

Ein flächendeckendes Sichtungssystem sorgte in der DDR dafür, dass kaum ein Sporttalent unentdeckt blieb. Potentielle Medaillengewinner wurden frühzeitig gefördert. Es gab entsprechende Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) mit Internatsunterbringung. Darüber hinaus wurde sehr viel Geld ausgegeben für den Bau moderner Trainingsstätten sowie für die Entwicklung leistungsfähiger Sportgeräte und erfolgreicher Trainingsmethoden. Nicht unerheblich waren auch die Gehälter und Prämien für Sportfunktionäre, Trainer, Sportwissenschaftler und Sportmediziner. Aber auch die Athleten selbst lebten als „Staatsamateure“ oder „Sportsoldaten“ nicht schlecht im Sozialismus. Warum wurde dieser gewaltige Aufwand überhaupt betrieben? Dafür gab es handfeste Gründe: Goldmedaillen und Weltrekorde sollten dem SED-Regime immer dazu dienen, das eigene Image aufzupolieren und eine nationale Identität zu entwickeln. Zudem zielte die Sportpolitik der DDR auch auf die Bürger in der alten Bundesrepublik. Sie sollten von der Leistungsfähigkeit des Sozialismus beeindruckt werden. Wer so außergewöhnlich viele Titel und Rekorde erringen könne, der sei auch in der Lage, die wirklich großen Probleme der Menschheit zu lösen.

Der „Spitzensport made in GDR“ wurde mehr und mehr zum Erfolgsmodell. Der kleine Arbeiter- und Bauernstaat mit seinen knapp 17 Millionen Einwohnern entwickelte sich zur zweitgrößten Sportmacht der Welt. Dem gegenüber agierte er auf anderen Gebieten weniger glanzvoll. So brachte die DDR nicht einmal einen einzigen Nobelpreisträger hervor. Deshalb stellt sich heute immer wieder die Frage nach den tatsächlichen Gründen für diese sportliche Dominanz. Warum verlor die alte Bundesrepublik den innerdeutschen Kampf der Systeme in den Stadien und Sporthallen so deutlich? Lag es wirklich nur an der besseren Unterstützung und Förderung der Sportler im SED-Staat? Nein. Die sportliche Vormachtstellung der DDR ließ sich nicht allein auf Talent, Trainingsmethode und Motivation der Athleten zurückführen. Es kamen auch unlautere Mittel zum Einsatz. Viele hatten es geahnt. Spätestens 1976 in Montreal sah man es den DDR-Schwimmerinnen auch äußerlich an. Aber erst nach dem Zusammenbruch des Arbeiter- und Bauernstaates wurden die Machenschaften im DDR-Sport offiziell bekannt.

So erfolgte in relevanten Sportarten ein systematisches „Staatsdoping“. Dabei waren die gedopten Athleten nicht nur Täter, sondern oftmals auch Opfer. Schließlich wurden die unerlaubten Leistungsförderer auch ohne Zustimmung und ohne Aufklärung über gesundheitliche Langzeitfolgen verabreicht. Betroffen waren viele ehemalige DDR-Sportler. Aber nur wenige Athleten baten bislang um Streichung ihrer - mit Hilfe von Dopingmitteln - erzielten Rekorde. Sah es in der alten Bundesrepublik wirklich besser aus? Erfolgte dort kein Doping? Bisher wurde immer nur von wenigen Einzelfällen ausgegangen. Allerdings wissen wir in-zwischen mehr. Auch der Sport im Westen war nicht immer „sauber und blütenrein“. Es gab zwar kein menschenverachtendes „Staatsdoping“ wie in der DDR, aber im Kampf um Waffengleichheit wurden in der alten Bundesrepublik leistungssteigernde Mittel erforscht. Mit den entsprechenden Untersuchungsergebnissen erfolgte dann mehr oder weniger heimlich die sportmedizinische „Nachrüstung“.