Mythos: „Die DDR hatte das bessere Gesundheitssystem“

Das Gesundheitssystem der DDR galt als eine der Vorzeige-Errungenschaften des Sozialismus. Jeder Bürger sollte Anspruch auf eine moderne und kostenlose medizinische Behandlung haben. Ziel war der Erhalt und die Stärkung der Arbeitskraft der Bevölkerung. Deshalb investierte die DDR in Polikliniken und Vorsorgeuntersuchungen, in die Ausbildung des Personals und die medizinische Forschung. Zu den positiven Elementen gehörten das zentrale Tumorregister und der nahezu lückenloser Infektionsschutz der Bevölkerung durch staatliche Impfprogramme sowie eine Vielzahl an Vorsorgeprogrammen für Kinder, Jugendliche, Schwangere und Mütter.

Ärztemangel als Dauerphänomen

Bis zum Mauerbau flohen viele Mediziner in den Westen, auch später stellten sie eine starke Gruppe bei den Ausreisewilligen. Der Ärztemangel war groß, die Wartezeiten auf Untersuchungstermine und Operationen oft lang.

Polikliniken und Krankenhäuser

Die ambulante medizinische Versorgung oblag vor allem Polikliniken. Unter einem Dach praktizierten hier Allgemeinmediziner, Frauen- und Augenärzte, Zahnärzte, Hautärzte und Orthopäden. Große Betriebe besaßen eigene Polikliniken. Viele Krankenhäuser in der DDR waren vor dem Ersten Weltkrieg erbaut worden. Patienten lagen überwiegend in Vier- bis Achtbettzimmern.

Mangel an westlichen Medikamenten und Medizintechnik

Auch in der medizinischen Ausstattung und Arzneimittelversorgung erreichte die DDR das angestrebte „Weltniveau“ nicht. Permanent bestanden Engpässe bei der Versorgung mit Verbrauchsgütern, Medikamenten und  medizintechnischer Ausrüstung. So gab es in der gesamten DDR nur 200 Dialyseplätze für Nierenkranke, Ende der 1980er Jahre gab es einen Computertomographen für 600.000 Einwohner (in Westeuropa: 1:100.000) und ein Ultraschallgerät für 32.000 Einwohner (in Westeuropa: 1:2.500). Es fehlte an Insulin und wirksamen Herz-Kreislauf-Medikamenten. Schwerkranken DDR-Bürgern wurde empfohlen, sich die dringend benötigte Medizin von Verwandten oder kirchlichen Einrichtungen in der Bundesrepublik schenken zu lassen.

Zweiklassen-Medizin

Hohe Regierungsmitglieder, Funktionäre und andere wichtige Kader mussten sich über ihre medizinische Versorgung keine Gedanken machen. Sie wurden im "Regierungskrankenhaus der DDR" in Berlin-Buch behandelt. Hier gab es die beste medizinische Versorgung der DDR, einschließlich modernster Geräte und Medikamente aus dem Westen, deren Einfuhr bis 1985 offiziell verboten war. Nach außen wurde dieser Luxus geheim gehalten, aber er zeigt den Doppelstandard im sozialistischen Staat.

Die Stasi kannte die Probleme

Die Probleme der Gesundheitsversorgung waren der Stasi bekannt. Im April 1989 fasste sie die „Ursachen zur Versorgungssituation im Gesundheitswesen“ zusammen: Die materiell-technische und personelle Versorgung seien unzureichend, die Pharmaindustrie veraltet, das „Informationssystem bei Störungen/Havarien“ wirkungslos. DDR-Produkte seien „kaum einsetzbar“, „wir sind teilweise völlig abhängig vom NSW (nicht sozialistisches Wirtschaftsgebiet)“, das bedeutet, von der Bundesrepublik.

Und auch immer mehr DDR-Bürger erkannten, wie groß der Abstand zum Westen war. Die zahlreichen Krankenhaus- und Arztserien im bundesdeutschen Fernsehen waren wirkungsvoller als es jede staatliche Propaganda des „Klassenfeindes“ hätte sein können.