Mythos: „Die DDR war ein Arbeiter- und Bauernstaat“

„Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter der Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei.“ Mit diesem Wortlaut legitimierte die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) in Art. 1 der DDR-Verfassung von 1968 ihren Anspruch auf die führende Rolle und somit ihre Diktatur im ostdeutschen Teilstaat. Diese „sozialistische“ Verfassung ersetzte die erste Verfassung von 1949. Sie wurde 1968 verabschiedet, 1974 überarbeitet und festigte das bereits in der Verfassungswirklichkeit bestehende Machtmonopol der SED. Die DDR-Gesellschaft galt nach marxistisch-leninistischer Doktrin weiterhin als Klassengesellschaft.  Aber sie bestand der Doktrin zufolge nicht mehr aus Unterdrückern und Unterdrückten, sondern aus formal gleichberechtigten Arbeitern und Bauern.

Die Macht lag bei der SED

Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus: Arbeiter und Bauern hatten in der DDR keine Macht. Diese lag ausschließlich bei der SED sowie ihren Nebenorganisationen, deren führende Kräfte gleichzeitig wichtige SED-Mitglieder, sogenannte „Kader“, waren. Fast jede/r DDR-Bürger/in gehörte mindestens einer, meist aber mehreren Massenorganisationen an: als Kind den Jung- und Thälmannpionieren, als Jugendlicher der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und während des Arbeitslebens dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB). Hinzu kamen z.B. die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) und der Kulturbund.

Neben den Massenorganisationen gab es die sogenannten Blockparteien. Sie ermöglichten es, den demokratischen Anschein zu wahren und zugleich bestimmte Gruppen der Gesellschaft besser ins System einzubinden, z. B. Christen in der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands (CDUD) oder Bauern in der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD).

Im Mittelpunkt stand der Gedanke des Kollektivs

Die SED wollte jede Bürgerin und jeden Bürger für das System gewinnen. Der Gedanke des Kollektivs stand im Mittelpunkt der Gesellschaft, das Individuum spielte keine Rolle. Kinder und Jugendliche  wurden im sozialistischen Sinne erzogen, das Bildungssystem war dementsprechend ausgerichtet. Freie Medien gab es nicht. Eine demokratische Wahl im Sinne von Auswahl unter verschiedenen Kandidaten war nicht möglich: Die SED, die Massenorganisationen und die Blockparteien bildeten die „Nationale Front“, die bei allen Wahlen stets mit einer Einheitsliste antrat.

„Diktatur des Proletariats“

Am 5. Mai 1953 charakterisierte Walter Ulbricht die „antifaschistisch-demokratische Ordnung“ der DDR erstmals als „Diktatur des Proletariats“. Offiziell hatten also die Arbeiter die Macht. Aber in der Realität waren sie von allen wichtigen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen ausgeschlossen. Es herrschte die Parteibürokratie. Nach einer Umfrage in einem DDR-Kombinat (= staatseigener Betrieb) fühlten sich 1989 82 Prozent der Befragten auf Betriebsebene „kaum vertreten“, im Hinblick auf die Politik des Landes sogar 90 Prozent.