Mythos: „Das Gebiet der ehemaligen DDR war schon vor 1945 wirtschaftlich benachteiligt“

Ostdeutschland war trotz der ausgedehnten Ländereien der Großgrundbesitzer in Mecklenburg und Brandenburg industriell nicht hinter dem westlichen Teil Deutschlands zurückgeblieben. Industrialisierungsgrad und Industriedichte waren sogar etwas höher, und durch die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik wurde der vorhandene Industrialisierungsvorsprung sogar noch weiter erhöht. So erfolgte aus strategischen Gründen vor Kriegsbeginn im heutigen Ostdeutschland der Ausbau der Braunkohlechemie. Darüber hinaus wurden Rüstungsindustrien zwischen Ostsee und Erzgebirge neu angesiedelt. Durch alliierte Luftangriffe und Bodenkämpfe in und um Berlin fiel zwar etwa 15 Prozent der ostdeutschen Industriekapazität des Jahres 1944 dem Krieg zum Opfer. Damit verfügte das Land aber immer noch über ein größeres Industriepotential als vor dem Zweiten Weltkrieg. Bezüglich der Kriegszerstörungen gab es keine wesentlichen Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Erst die ungleiche Verteilung der Kriegsfolgelasten bewirkte eine Benachteiligung der Region zwischen Ostsee und Erzgebirge. Eine schwere Bürde waren hierbei die Reparationszahlungen an die Sowjetunion. Nach Angaben von Rainer Eckert erbrachte Ostdeutschland die größte Reparationsleistung des 20. Jahrhunderts. So lagen die von der SBZ und später von der DDR realisierten Zahlungen mit rund 14 Milliarden Dollar deutlich über den zehn Milliarden Dollar, die die Sowjetunion ursprünglich von ganz Deutschland gefordert hatte. Durch sowjetische Demontagen wurde das 1944 vorhandene industrielle Anlagevermögen Ostdeutschlands um fast ein Drittel reduziert. Dabei handelte es sich vor allem um Eisen- und Stahlproduktionsanlagen, Walzwerke, Tausende Kilometer Eisenbahnschienen, Fabriken der Feinmechanik und Optik sowie der Chemie, Kraftwerke, Druckereien; auch die Ernährungs-, Textil- und Bekleidungsindustrie war von Demontagen betroffen. Da vor allem Anlagen von hohem technischen Niveau abgebaut wurden, griffen viele Werke, um weiterproduzieren zu können, auf völlig veraltete Technologien zurück. Infolgedessen sank die Produktivität im Vergleich zur Vorkriegszeit deutlich ab. Durch die Spaltung Deutschlands wurde der östliche Teil von seiner Rohstoffbasis und den traditionellen Technologiepartnern getrennt. Darüber hinaus wurde Ostdeutschland von der SED-Führung in einen politischen und ökonomischen Block eingebunden, in dem es vor allem der Industrialisierung der militärischen Supermacht Sowjetunion zu dienen hatte. Weitere Belastungen waren die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft, die zunehmende Enteignung der Betriebe und die Einführung der zentralen Planwirtschaft nach dem sowjetischen Modell.