Christlicher und kirchlicher Widerstand

Bald nach der Gründung der DDR wurden mit Hilfe der Sowjetischen Militäradministration alle Parteien und Massenorganisationen gleichgeschaltet. Als einzige legale oppositionelle Kraft blieben aufgrund der in der ersten DDR-Verfassung verankerten Religionsfreiheit die Kirchen bestehen.

Spätestens im Frühjahr 1950 traten die grundlegenden Differenzen zwischen den Kirchen und Vertretern des SED-Regimes offen zutage. Im April 1950 fand ein Spitzengespräch zwischen Otto Dibelius, dem Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, und DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl statt. Danach begann die SED-Führung, den gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen zu beschneiden. Sie setzte kirchliche Amtsträger durch eine Erpressungs- und „Differenzierungsstrategie“ unter Druck und diffamierte die Kirchen als Unterstützer des Westens und seiner „Remilitarisierung“. Im Laufe der folgenden Jahre und Jahrzehnte wurde es für die Kirche immer schwieriger, sich zu behaupten und dem totalen Anspruch des SED-Regimes wirkungsvollen Widerstand entgegenzusetzen.

Einen weiteren Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen im Jahr 1952, in dem auf der 2 Parteikonferenz der SED der „planmäßige Aufbau des Sozialismus“ beschlossen wurde. Mit besonderer Härte gingen die staatlichen Stellen gegen die Jugendorganisation der evangelischen Kirche „Junge Gemeinde“ vor, der schlichtweg ihre Daseinsberechtigung abgesprochen wurde. Das SED-Politbüro bezeichnete die Junge Gemeinde als „Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage“. Der Kurs wurde weiter verschärft: Der Religionsunterricht an den Schulen sowie die kirchlichen Jugendzeitschriften „Der christliche Student“ und „Die Stafette“ wurden verboten. Während einer Verleumdungskampagne wurden zahlreiche Jugendliche und über 70 Theologen und Jugendleiter verhaftet. Wer sich nicht von der „Jungen Gemeinde“ distanzierte, wurde von der Erweiterten Oberschule oder der Universität verwiesen.

Abb.: Mahnwache in der Gethsemanekirche am 2. Oktober 1989,  Ziel ist die Freilassung der inhaftierten Leipziger Demonstranten. (©Robert-Havemann-Gesellschaft/Frank Ebert/RHG_Fo_HAB_14047)

Die Angriffe und die Methoden des Regimes wurden in den späteren Jahren weniger offen und die Methoden subtiler. Vor allem nach dem Mauerbau am 13. August 1961 drängte die SED Führung darauf, das „Kirchenproblem“ zu lösen. Dazu kam, dass die Kirche zu der im Januar 1962 eingeführten allgemeinen Wehrpflicht nun grundsätzlich Stellung beziehen musste. So wurden am 8. März 1963 die „Zehn Artikel“ als eine erste deutsche gesamtkirchliche Stellungnahme verabschiedet, die für „den gesetzlichen Schutz der Wehrdienstverweigerer aus Glaubens- und Gewissensgründen“ votierte. Daraufhin verweigerte eine nicht geringe Anzahl junger Männer den Wehrdienst, wofür ihnen eine zweijährige Zuchthausstrafe drohte. Andere junge Christen dienten seit 1964 als sogenannte Bausoldaten und verweigerten auf diese Weise den Wehrdienst mit der Waffe.

Die „Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE) am 3. Juli 1973 in Helsinki führte auf dem Gebiet der Kirchenpolitik der SED zu einer leichten Entspannung. Um seines Ansehens willen wollte der SED-Staat die offene Unterdrückung der Kirchen nun vermeiden. Bei einer Begegnung mit dem Vorstand des Evangelischen Kirchenbundes am 6. März 1978 sicherte SED-Generalsekretär Erich Honecker den Kirchen zu, die bisherige Auffassung der SED vom „Absterben“ der Religion im Sozialismus zu korrigieren und die Kirche als eigenständige, weitgehend autonome Organisation mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung anzuerkennen. Die grundsätzlichen Spannungen und Konflikte zwischen Staat und Kirche blieben aber bestehen. Erst nach dem gewaltsamen Vorgehen der Stasi gegen die Berliner Zionskirchengemeinde im November 1987 setzten sich die Kräfte in der Kirche durch, die für eine offensivere, stärker sozialismuskritische Politik der Kirche eintraten. Von da an wurden auf Initiative der Berliner Umweltbibliothek die bisher unter dem Dach der Kirche wirkenden oppositionellen Basisgruppen landesweit vernetzt. Sie bildeten dann das Rückgrat der friedlichen Revolution von 1989.