Die Friedliche Revolution 1989

Seit Ende der 1970er Jahre verschärften sich die Widersprüche in der DDR auf wirtschaftlichem, politisch-ideologischem und kulturellem Gebiet. Mit Beginn des 1985 einsetzenden Reformkurses in der UdSSR unter Michail Gorbatschow, dem neuen Parteichef der KPdSU, gewann auch die oppositionelle Bewegung in der DDR an Einfluss.

 

Obwohl alle Aufstände in den sozialistischen Staaten nach 1945 blutig niedergeschlagen worden waren, kam es im Herbst 1989 zu einem gewaltfreien Sturz des kommunistischen Systems in der DDR. Für diese überraschende Entwicklung waren im Wesentlichen das Zusammenwirken von drei Faktoren ursächlich:

Erstens ging den Ereignissen von 1989/90 ein Strategiewechsel in der sowjetischen Außenpolitik voraus. In den späten 1980er Jahren hatte Gorbatschow begonnen, den sozialistischen Staaten mehr Eigenständigkeit zuzugestehen. Diese Haltung gipfelte schließlich in dem ausdrücklichen Gewaltverzicht der sowjetischen Politik im Herbst 1989, die als „Sinatra-Doktrin“ bekannt wurde: In Anlehnung an den Song des US-amerikanischen Sängers Frank Sinatra „I Did It My Way“ sollten die Länder im sowjetischen Einflussbereich künftig selbst über ihren Weg entscheiden dürfen.

Zweitens tat sich im Frühsommer 1989 mit dem Abbau des Grenzzauns zwischen Ungarn und Österreich plötzlich ein Loch im Eisernen Vorhang auf. Die Zahl der DDR-Bürger, die auf diesem Weg in den Westen flohen, schwoll daraufhin massiv an. Fortan war der „DDR-exit“ auf den Umweg über Ungarn und Österreich jederzeit möglich.

Unter diesen Bedingungen war es für den Erfolg der friedlichen Revolution gegen das SED-Regime schließlich entscheidend, dass sich viele Bürgerinnen und Bürger den bestehenden Oppositionsgruppen und ihren Aktivitäten anschlossen und für Veränderungen im Land demonstrierten. Eine entscheidende Rolle für die Proteste spielten die Friedensgebete und Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Städten seit September 1989. In Leipzigs evangelischer Stadtkirche St. Nikolai hatte sich das „Friedensgebet“ als regelmäßige Plattform ehemaliger „Bausoldaten“ und kritischer Jugendlicher etabliert. Dieses montägliche Gebet war bereits 1985 von der Staatssicherheit als „Hort der Konterrevolution“ eingestuft worden und stand unter ständiger Beobachtung. Das Friedensgebet entwickelte sich dabei zum Sammelbecken Menschen, die dem Staat und seiner Politik gegenüber kritisch eingestellt waren, ob Christen oder ohne kirchliche Bindung.

Seine durchschlagende Wirkung entfaltete der Protest schließlich im Zusammenhang mit der Fluchtbewegung über Ungarn und die ČSSR in den Westen. Dies stärkte die Protestbewegung in zweifacher Hinsicht: Erstens argumentierten ihre Anhänger immer energischer, dass die Abwanderung nur mit grundlegenden Reformen und Veränderungen zu stoppen sei. Da sich die Staats- und Parteiführung noch weit bis in den Oktober hinein allen Forderungen nach Reformen verweigerte, erfasste der Protest immer weitere Kreise der Bevölkerung. Außerdem ermutigte es die Protestierer, dass sie das Land verlassen konnten, falls der Staat mit Gewalt und Repressionen auf die Demonstrationen reagieren würde.

Eine wichtige Rolle spielten auch die Westmedien, die die Entwicklung verstärkten. Am 4. September nutzen Basisgruppenmitglieder die wegen der Leipziger Herbstmesse anwesenden Kameras des ZDF und entrollten auf dem Nikolaikirchhof drei Transparente mit politischen Forderungen. Die Bilder im Westfernsehen, die die Stasi-Mitarbeiter in Zivil ebenso dokumentierten wie die Rufe der bleibewilligen Demonstranten und der Ausreisewilligen, bewirkten, dass sich die Anzahl der „Montagsdemonstranten“ wöchentlich verdoppelte.

Am 30. September verkündete Bundesaußenminister Dietrich Genscher, dass die rund 5.000 DDR-Bürger, die in der bundesdeutschen Botschaft geflüchtet waren, ausreisen dürften. Diese Auseise erfolgte in verschlossenen Zügen durch die DDR und heizte den Protest im Lande weiter an. Nach Straßenschlachten vor dem Dresdner Hauptbahnhof am 4. Oktober kam es in Berlin am 7. Oktober zu Massenprotesten vor dem Palast der Republik, wo gerade der 40. Jahrestag der DDR offiziell gefeiert wurde. Auf die Forderungen der Demonstranten reagierte die Volkspolizei in Leipzig und zahlreichen anderen Orten mit Verhaftungen. Der nächste Montag, der 9. Oktober 1989, wurde zum Tag der Entscheidung. Nach einer entsprechenden Anweisung Honeckers sollte mit der „Konterrevolution“ auf Leipzigs Straßen Schluss gemacht werden. Zu diesem Zweck waren 8.000 bewaffnete Sicherheitskräfte zusammengezogen worden. Die geplante gewaltsame Niederschlagung scheiterte jedoch daran, dass statt der angenommenen 5.000 über 70.000 Demonstranten friedlich protestierten. Nach vier weiteren Demonstrationswochen überschlugen sich schließlich am Abend des 9. November die Ereignisse. Mit dem Fall der Berliner Mauer zerfiel binnen weniger Wochen auch die Macht der SED, die DDR demokratisierte sich und weniger als ein Jahr nach dem Mauerfall konnten die Deutschen die Einheit in Freiheit feiern.