Dissidenten und Bürgerrechtler

Neben dem Widerstand in den 1950er Jahren, der auf die Beseitigung des sozialistischen Systems insgesamt abzielte, gab es vor allem in den 1960er bis 1980er Jahren kritische marxistische Intellektuelle, einzelne Künstler und unangepasste Christen, deren Kritik auf eine Schwächung und Beseitigung des Machtmonopols der SED abzielte. Am Ideal einer sozialistischen Gesellschaftsordnung hielten sie jedoch fest.

Bestimmend unter den marxistischen Neuentwürfen der Gesellschaft waren die Anschauungen von Robert Havemann, Rudolf Bahro und Wolf Biermann. Die einflussreichste Figur unter diesen Intellektuellen war der Chemiker Havemann, ein Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Zu Beginn der 1950er Jahre war er Prorektor für Studienangelegenheiten an der Berliner Humboldt-Universität. Sein Versuch, den Einfluss der Partei auf Wirtschaft und Wissenschaft zurückzudrängen und die Entstalinisierung voranzutreiben, blieb ohne Erfolg. Vielmehr wurde er auf der 3. Hochschulkonferenz im Februar 1958 zur „Selbstkritik“ gezwungen, d.h., zum öffentlichen (falschen) Eingeständnis von persönlichem Fehlverhalten. Trotzdem behielt er seine Funktionen und wurde 1959 sogar mit dem DDR-Nationalpreis ausgezeichnet. Von Oktober 1963 bis Januar 1964 hielt er an der Humboldt-Universität eine systemkritische Vorlesungsreihe zum Thema „Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme“. Zu ihr strömten über 1.000 Zuhörer aus der ganzen DDR. Am 12. März 1964 wurde Havemann aus der SED ausgeschlossen. Noch im selben Jahr verlor er seine Professur, sein Volkskammermandat und alle anderen Ämter. Im März 1966 wurde er aus der Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen. Zwischen 1976 und 1979 stand er in seinem Haus in Grünheide bei Berlin unter Hausarrest.

Abb.: Robert Havemann als Abgeordneter der Volkskammer (1960, ©Bundesarchiv, Bild 183-76791-0009 / Horst Sturm / CC-BY-SA 3.0 / CC BY-SA 3.0 DE)

Havemann entwickelte seine theoretischen Überlegungen ausgehend von den Ereignissen des Prager Frühlings. Er hielt an der Auffassung von der prinzipiellen Überlegenheit eines „demokratischen Sozialismus“ fest, ebenso an der Überzeugung, dass sich der Kapitalismus in seiner „Endphase“ befinde. Dieser Grundauffassung blieb er bis zu seinem Tod 1982 treu. Allerdings trat die Utopie des Sozialismus in seinen letzten Lebensjahren hinter das Ziel einer gesamtdeutschen Friedensordnung zurück.

Der heute wohl bekannteste Dissident neben Havemann ist der Liedermacher Wolf Biermann. Er war 1953 aus Hamburg in die DDR gekommen und hatte in Berlin Philosophie studiert. Schon nach seinen Auftritten Ende der 1950er Jahre war er ins Visier des SED-Regimes geraten, weil er auf der Suche nach einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ die kommunistischen Utopien mit der alltäglichen Realität verglich. 1963 wurde er deshalb aus der SED ausgeschlossen. Auf dem „Kahlschlagplenum“ des ZK der SED 1965 wurde er mit einem Auftritts- und Publikationsverbot belegt. Trotzdem blieben seine Ideen unter den marxistischen Entwürfen oppositioneller Kräfte dominierend. Sie forderten fortan vor allem die „Vollendung der sozialistischen Demokratie“ und die Gewährung „politischer Menschenrechte“. Im November 1976 wurde er während einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland ausgebürgert und durfte nicht mehr in die DDR zurückkehren. Die Ausbürgerung löste massive Proteste von Künstlern, Kulturschaffenden und Studenten aus und verursachte eine kulturpolitische Krise.

Abb.: Nach seiner Ausbürgerung: Wolf Biermann in Hamburg (1977, ©MoSchle / CC BY-SA)

Der marxistischen Tradition entstammte auch Rudolf Bahro. Auch für ihn waren die Ereignisse des Jahres 1968 in Prag das entscheidende Schlüsselerlebnis. In dem 1977 im Westen erschienenen Buch „Die Alternative: Zur Kritik des real existierenden Sozialismus“ formulierte er seine Antwort auf den Einmarsch sowjetischer Truppen in die ČSSR. Ausgehend von einer Analyse des politbürokratischen DDR-Sozialismus entwickelte er seine Theorie eines zivilisationskritischen Kommunismus. Seine Hoffnung, den vermuteten kritischen Potenzialen in der DDR dadurch die notwendige theoretische Grundlage zu liefern, zerschlug sich jedoch bald. Im August 1977 wurde er verhaftet und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, aber bereits im Oktober 1979 in den Westen ausgewiesen. Er konnte die Entwicklung in der DDR und die sich dort formierenden Oppositionsgruppen kaum noch direkt beeinflussen. Seine Ideen wurden im Wesentlichen von kritischen Studenten rezipiert.

Auch der 26jährige Schriftsteller Jürgen Fuchs wollte die DDR von innen verändern. Nach der Zwangsausbürgerung von Wolf Biermann im November 1976 verhaftete das MfS Jürgen Fuchs. Die monatelangen Verhöre in der zentralen Stasi- Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen beschrieb er später auf eindrückliche Weise in seinem Buch “Vernehmungsprotokolle”. Im August 1977 bürgerte ihn die SED-Diktatur nach West-Berlin aus.

Im Laufe der 1980er Jahre entwickelte sich in der DDR eine Friedens- und Bürgerrechtsbewegung, die zunehmend öffentlich wahrnehmbar wurde. Im Dezember 1983 wurden Ulrike Poppe und Bärbel Bohley in die MfS-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen eingesperrt, weil sie gegen das neue Wehrgesetz der DDR protestiert hatten. Aufgrund der vielen in- und ausländischen Proteste kamen sie nach sechs Wochen wieder frei.

Ab 1985 engagierten sich beide Frauen gemeinsam mit Lotte und Wolfgang Templin und anderen Mitstreitern in der „Initiative für Frieden und Menschenrechte“. Zusammen mit christlichen Friedenskreisen und der Berliner Umweltbibliothek befassten sich die Bürgerrechtler mit Demokratie- und Menschenrechtsthemen. Seit 1986 wurden in der DDR Samisdat-Schriften wie beispielsweise „Grenzfall“ und „Umweltblätter“ hergestellt und verteilt. Unterstützt wurden die Bürgerrechtler von Pfarrer Rainer Eppelmann, den das MfS zum „Staatsfeind Nr. 1“ deklarierte und intensiv bespitzelte, und von ostmitteleuropäischen Dissidenten, westdeutschen Journalisten, Diplomaten und Politikern sowie den ausgebürgerten DDR-Oppositionellen Jürgen Fuchs und Roland Jahn.

Abb.: Der Schauspieler und Sänger Manfred Krug (1971, ©Bundesarchiv, Bild 183-K0622-0001-001 / Katscherowski (verehel. Stark),  / CC-BY-SA 3.0 / CC BY-SA 3.0 DE)

Die SED und ihr Machtapparat gingen gewaltsam gegen ihre Gegner vor: Am 25. November 1987 drangen MfS-Mitarbeiter in die Berliner Umweltbibliothek ein. Sie verhafteten Wolfgang Rüddenklau und mehrere Mitglieder der Gruppe, die die Umweltzerstörung im sozialistischen Staat angeprangert hatten. Im Januar 1988 schlug die Stasi im Umfeld der offiziellen Liebknecht-Luxemburg- Demonstration erneut zu und verhaftete zahlreiche Ausreisewillige und Bürgerrechtler, die mit eigenen Transparenten auf die Zustände in der DDR aufmerksam gemacht hatten. Als dagegen Proteste laut wurden, reagierte das MfS mit einer Verhaftungswelle. Erneut kamen Bärbel Bohley und Ulrike Poppe in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Dort inhaftierte die Stasi auch die Schauspielerin und Regisseurin Freya Klier. Sie hatte bereits Ende der 1960er Jahre als 18jährige nach einem Fluchtversuch ein Jahr im Gefängnis zubringen müssen. Wie viele andere Bürgerrechtler wurde sie nach ihrer Inhaftierung in den Westen abgeschoben.

Letztlich gelang es der SED nicht, Widerstand und Opposition gegen ihr sozialistisches Gesellschaftsexperiment in der DDR zu unterbinden: Aus der unabhängigen Friedens- und Bürgerrechtsbewegung gingen 1989 vier neue Gruppierungen hervor: das „Neue Forum“, die „Bürgerbewegung Demokratie Jetzt“, die „Initiativgruppe zur Gründung einer Sozialdemokratischen Partei“ und der „Demokratische Aufbruch“, in dem sich Rainer Eppelmann, Angela Merkel und Günter Nooke engagierten. Diese Gruppen entwickelten sich zum Kristallisationskern der Friedlichen Revolution im Herbst 1989, als Hunderttausende Bürgerinnen und Bürger mit Massenprotesten in Leipzig und anderen Städten die SED-Diktatur beendeten.