Sind die Alten Schuld am Brexit?

Die alten Briten haben den Jungen ihre Zukunft in Europa genommen. Wie gemein. Aber stimmt das wirklich?

Das Referendum in Großbritannien markiert einen Meilenstein in der Geschichte des Landes selbst, aber auch in der Geschichte der Europaischen Union. Großbritannien wird das erste Land sein, das die Staatengemeinschaft verlässt. Bis dahin ist es zwar noch ein weiter Weg mit vielen Verhandlungen, aber die Briten haben sich für „leave" entschieden. Das Ergebnis ist eindeutig und endgültig, auch wenn es sehr knapp ausgefallen ist. Rund 52 Prozent der Briten wollten die EU verlassen. Das ist zwar mehr als die Hälfte, aber eben auch nur gerade so die Mehrheit. Deswegen lohnt sich ein Blick hinter die Zahlen und vor allem auch in die einzelnen Regionen, denn die zeigen: Großbritannien ist ein gespaltenes Land.

Wer genau sucht den Exit?

Zum einen zeigte das Referendum: Menschen in großen Städten wie London und Manchester waren tendenziell stärker pro EU. So stimmten zum Beispiel in London rund 60 Prozent für einen Verbleib. Menschen, die dagegen in ländlichen Gebieten leben, stimmten eher für den Brexit. Zum anderen ist Großbritannien auch stark zwischen Nord und Süd gespalten. Schottland und Nordirland haben sich deutlich für einen Verbleib in der EU ausgesprochen, während Wales und England nicht länger in Brüssel mitmischen wollten.

Ein wichtiger Faktor dabei ist auch die Diskrepanz zwischen Jung und Alt. Laut einer YouGov-Umfrage einige Tage vor dem Referendum haben 80 Prozent der 18 bis 24-Jährigen für einen Verbleib in der EU gestimmt, bei den über 65-Jährigen dagegen nur 37 Prozent. Aber warum ist das so? Müsste nicht eigentlich gerade die ältere Generation einen Verbleib in der EU befürworten? Schließlich ist sie in einem Nachkriegseuropa aufgewachsen oder hat vielleicht den Krieg noch selber miterlebt. Gerade für diese Generation müsste doch die EU neben einer Wirtschafts- und Handelsunion doch vor allem eine Friedensunion symbolisieren. Schließlich waren diese Ideen das Fundament der EGKS, ein Vorläufer der heutigen EU. Aber die junge Generation hat den älteren Menschen eines voraus: Sie können mit dem Internet umgehen: Für sie ist es ein Zeichen von Freiheit, dass die Welt durch das Internet kleiner geworden zu sein scheint. Und genau das fürchten viele ältere Menschen: Den Wegfall der eigenen landestypischen Traditionen durch Einflüsse aus anderen Ländern, die es vorher in solcher Form nicht gegeben hat.

Das Europa der Jungen

Die junge Generation ist in einer globalisierten Welt und einem grenzenlosen Europa aufgewachsen. Viele beteiligen sich an einem Schüleraustausch mit Frankreich oder Spanien, lernen Englisch und meistens eine weitere Sprache, die in Europa gesprochen wird. Wir haben vielleicht noch unser erstes Taschengeld in D-Mark bekommen, haben uns aber längst an den Euro und seine Vorteile gewöhnt. Wir müssen dank der EU nicht die Währung wechseln, wenn wir einen Wochenendtrip nach Paris machen und auch nicht in Schlangen warten, um an der Grenze unseren Pass zu zeigen. Wir machen mit „Erasmus" ein Auslandssemester in Italien und lernen dabei, wie man echte italienische Spagetti kocht. Das ist für uns nichts Außergewöhnliches. Wir sind so aufgewachsen und all diese Dinge sind für uns möglich und machbar. Wir fühlen uns immer noch als Deutsche, Italiener, Franzosen oder Polen. Aber wir sind auch Europäer, weil wir verstanden haben, dass man nur so mehr gewinnen kann. Und wir dachten: läuft bei uns. Es läuft, weil für uns durch die EU alles so herrlich einfach und nichts mehr unmöglich war. Es läuft, weil wir dafür nichts machen mussten, denn wir sind mit dieser Freiheit groß geworden. Sie ist für uns ein Geschenk, das keine Gegenleistung verlangt. Oder doch?

Schaut man sich die Wahlbeteiligung nach Altersgruppen bei der letzten Europawahl 2014 an, ergibt sich ein klares Bild: In Deutschland lag die Wahlbeteiligung bei den 18 bis 21-Jährigen bei rund 40 Prozent, bei den 60 bis 70-Jährigen nahmen rund 60 Prozent an der Wahl teil. In Großbritannien weicht das Ergebnis nicht weit ab. Dort gingen 2014 nur 28 Prozent der 18 bis 24-Jährigen zur Wahl. Und auch bei dem Referendum zeigt sich: Die Jungen beschimpfen die Alten, weil sie ihnen die Zukunft in Europa genommen haben. Sie sind doch diejenigen, die am Längsten mit der Entscheidung leben müssen. Aber warum haben sie sich nicht verteidigt und sind laut geworden? Wer kämpft und verliert, darf wütend sein. Aber darf man wütend sein, wenn man vorher nicht gekämpft hat? Die Wahlbeteiligung beim Referendum in Großbritannien lag bei den 18 bis 24-Jährigen bei mageren 36 Prozent. 

Die Alten gingen wählen und gestalteten so die EU mit. Die junge Generation hat vielleicht verstanden, die Idee Europas zu leben. Allerdings weiß sie anscheinend nicht, wie man sich für seine Überzeugungen auch einsetzt.

 
Autorin: Katharina Becker, Jugend-Online-Magazin f1rstlife.de