Expertenbeitrag

Nie mehr langweilige YouTube-Titel

Der User öffnet die Startseite, er sieht ein Video neben dem anderen, vielleicht gibt er ein Stichwort in die Suche ein oder er scrollt sich einfach durch den Feed, und dann klickt er. Oder eben nicht. Was ist das Geheimnis dieses Klicks? Wie kann ich Youtube-Videos so betiteln, dass sie von möglichst vielen Menschen angeklickt werden.

Darauf gibt es nicht eine Antwort, sondern mehrere: die Mechanismen. Diese entscheiden über die wichtige Frage: “Warum soll ich mir das anschauen?”

Die Antwort darauf liegt in Videotitel und Thumbnail und der perfekten Kombination der beiden.

Wer Youtube-Videos hochlädt, sollte generell erst einmal folgendes beachten:

  1. Der Videotitel und der Text auf dem Thumbnail sollten nicht gleich sein. das verschenkt Platz für Infos oder Details oder Cliffhanger.
  2. Für die Varianten 1&2 ist es wichtig, SEO relevante Begriffe im Videotitel zu haben. Für die anderen 3 Varianten wird die Rolle von SEO deutlich überschätzt. Das wichtigste Ziel hier:
    Klickanreize für User, die durch ihren Feed scrollen.
  3. Eine aktive und konkrete Sprache hilft. Im Kopf der User sollen Bilder entstehen.
  4. Bei Titel und Thumbnail darf zugespitzt werden. Es gilt nur eine Regel: Ich darf als Zuschauer am Ende nicht enttäuscht sein!​​​​​​​
  5. Das Thumbnail sollte nicht zu corporate und durchgebrandet aussehen, sondern möglichst authentisch und aufmerksamkeitsstark den Inhalt des Videos wiederspiegeln.

 

Die 5 Mechanismen und ihre Besonderheiten

Mechanismus 1: Ich muss das JETZT wissen

So funktioniert der Mechanismus: Wer nicht klickt, hat Angst, etwas zu verpassen. Oder das Bedürfnis, Zusammenhänge zu verstehen. News-Junkies haben FOMO. Alle anderen wollen endlich mitreden.

Für diese Videos funktioniert der Mechanismus: News und Explainer zu aktuellen Themen

Die perfekte Titel-Thumbnail-Kombo:

Variante 1: Oberthema als knalliges Stichwort ins Thumbnail plus deskriptiver Videotitel mit Verb   ​​​​​​​​​​​​​​​​​​ Variante 2: Zitat ins Thumbnail plus deskriptiver Videotitel mit Verb ​​​​​​​

      ​​​​​​​Variante 3: Szenisches Detail ins Thumbnail plus deskriptiver Videotitel mit Verb

  

 

Mechanismus 2: Ich will GENAU DAS wissen

So funktioniert der Mechanismus: Es gibt ein sehr spezifisches Problem. Und das Video liefert darauf eine einfache Lösung. (Oder: Das Video liefert die Lösung zu einem Problem, von dem das Gehirn bis dahin nicht wusste, dass es existiert)

Für diese Videos funktioniert der Mechanismus: Service, How-To-Videos

How to Thumbnail + Videotitel:

Variante 1: Die Frage oder ein “How To” in den Videotitel, ins Thumbnail ein Mini-Spoiler oder das Ergebnis

    Variante 2: Frage in das Thumbnail, in den Titel einen deskriptiven Satz

 ​​​​​​​ Variante 3: Das Thema knallig ins Thumbnail, Frage oder How to (So kannst du, wie du) in den Titel

 Variante 4: Ranking oder Listicle in den Titel, Thumbnail knallig

  

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Mechanismus 3: 😍😉🤔🧐😂🤪😔😫🥺😭😤😡

So funktioniert der Mechanismus: Titel und Thumbnail lösen Gefühle beim Zuschauer aus, mal die schönen wie Spaß und Freude, mal die mitfühlenden, auch die nicht so schönen wie Angst und Wut. Und die überhaupt nicht schönen wie Voyeurismus oder Neid.

Für diese Videos funktioniert der Mechanismus: Stories = Reportagen, Portraits, Dokus (mit Protagonisten)

Die perfekte Titel-Thumbnail-Kombo:

Variante 1: Thema in den Videotitel in Kombi mit Detail oder Frage, Thumbnail: bildhaft Thema beschreiben

Variante 2: Thumbnail kurz halten: kurze Frage oder Stichwörter in Kombi mit Bild

   Variante 3: Thumbnail aus Perspektive des Protagonisten, plakativer Videotitel mit Thema

  

 

Mechanismus 4: Ich wusste nicht, dass ich das wissen MUSS

 So funktioniert der Mechanismus: Dieser Mechanismus schaltet den freien Willen aus. Das Gehirn ist überrascht oder neugierig oder ungeduldig. Wer nicht klickt, verpasst.

Für diese Videos: Wissen als Entertainment, Challenge

Die perfekte Titel-Thumbnail-Kombo:

Variante 1: Kombi aus Titel und Thumbnail/Bild verwirrt/überrascht

 Variante 2: Cliffhanger in den Titel, geheimnisvoll, aber nicht verwirrend; Thumbnail nur mit Stichwort oder ohne TextVariante 3: Challenge in den Titel, Detail oder Oberthema als kurzes Stichwort ins Thumbnail

    ​​​​​​​Variante 3: Challenge in den Titel, Detail oder Oberthema als kurzes Stichwort ins Thumbnail

    ​​​        

 

Mechanismus 5: Ich will Beef oder Bekräftigung

So funktioniert der Mechanismus: Das Gehirn hat sich entweder entschieden und sucht Bestätigung oder Reibung. Oder tatsächlich nach Argumenten. Meistens ersteres.

Für diese Videos: Kommentar/Debatte, Real Talk, Reaction Video

How to Videotitel und Thumbnail:

Variante 1: meinungsstarke These (nicht newsy werden!) kombiniert mit  kurzer Frage

    Variante 2: These in den Videotitel, angerissenes Argument in Thumbnail

 ​​​​​​​    Variante 3: Reaction (oder auch Kommentar)     

 

 

Diese Tipps sind in Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Drive Beta entstanden, hier geht es zum PDF der Tipps sowie einem digitalen Tool, das hilft, Titel und Thumbnails im realen Umfeld zu testen.

Über die Autorin

Anne-Kathrin Gerstlauer ist Digital-Beraterin aus Berlin. In ihrem Newsletter Texthacks erklärt sie Tipps und Tricks zum Thema: einfach schreiben im Internet. ​​​​​​​

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Games & Politics: Politische Streams auf Twitch
Expertenbeitrag

Games & Politics: Politische Streams auf Twitch

„Eine Generation meldet sich zu Wort“: So wurde die letzte Shell-Jugendstudie 2019 überschrieben. Tatsächlich ist das politische Interesse von Jugendlichen in Deutschland seit den 2000er Jahren deutlich gestiegen: 41 Prozent der Jugendlichen interessieren sich für Politik.[1] 2002 waren es lediglich 30 Prozent.[2] Trotzdem stellt es politische Institutionen und Parteien zunehmend vor Herausforderungen, diese Zielgruppen mit interessanten Formaten, gewinnender Ansprache und Inhalten aus der Lebenswirklichkeit zu erreichen. So gilt das vielbeschworene Credo auch für unsere politische Bildungsarbeit einmal mehr: „Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie stehen“ – und das eben auch dort, wo es neu, ungewohnt und vielleicht sogar unbequem für uns sein könnte.

Eine boomende Plattform, auf der viele Jugendliche und junge Erwachsene Zeit verbringen, ist der Streaming-Anbieter Twitch. Im April 2021 wurde die Seite weltweit von 1,14 Milliarden Menschen besucht. Groß geworden ist sie mit der Live-Übertragung von E-Sports und talentierten wie unterhaltsamen Streamer:innen, die in Echtzeit übertragen, wie sie zocken. Mittlerweile ist die Bandbreite größer: Zwischen klassischen Gameplays finden sich Koch-, Fitness-, Musik- und Just-Chatting-Streams.

Community-Begegnungen auf Augenhöhe

„Auf Twitch ist auch Raum für politische Inhalte und Formate“ – gemeinsam mit der esports player foundation haben wir deshalb einen E-Sports- und -Politik-Stream konzipiert. Im Zentrum des Streams stand die Begegnung zwischen Playern aus der E-Sports-Szene, Nachwuchstalenten, Interessensvertreter:innen, Influencer:innen und politischen Vertreter:innen. Getroffen haben wir uns an der Schnittstelle zwischen politischen, gesellschaftlichen und Branchen-Themen.

Besonders wichtig war es uns dabei, den Twitch-Nutzer:innen auf Augenhöhe zu begegnen: Was ist für die Community interessant? Und wie können wir diese einbinden und zur Interaktion animieren? Twitch ist besonders geeignet, um die Zuschauerinnen und Zuschauer einzubinden. Über den Chat können sie mitdiskutieren und Fragen stellen. Mit Hilfe von Umfragen haben wir darüber hinaus während des Streams das Meinungsbild der Community eingeholt und im Studio diskutiert.

Einbindung von Influencer:innen

Neben authentischer Interaktion zählen auf Twitch außerdem in besonderer Weise Identifikationsfiguren, also in der Community bekannte Gesichter von Streamer:innen, E-Sportler:innen und Influencer:innen. Unser Anliegen war es, die zwei Welten – Politik und Gaming – in authentischen Austausch miteinander und mit der Community treten zu lassen, Standpunkte auszutauschen - und vor allem gemeinsam Spaß zu haben. In insgesamt sechs Formaten in unterschiedlicher thematischer Ausgestaltung trafen somit Politiker:innen, E-Sportler:innen, Interessensvertreter:innen und Streamer:innen aufeinander: Ob Streamer und Politiker an der Gamestation, in der Boost-Women-Talkrunde oder im „Teamfight for E-Sports“-Zukunftspanel: Im Zentrum stand das gemeinsame Engagement, das Potenzial und Empowerment für die Community.

Viele weitere Formate füllten den insgesamt fünfstündigen Stream: In einer Werte-Diskussion ging es um die Frage, wie man toxisches Spielverhalten bekämpfen und Computerspiele so für alle erfreulicher gestalten kann. Expert:innen und bekannte Persönlichkeiten aus der Szene brachten den Zuschauer:innen die Bedeutung einer positiven mentalen Einstellung und der richtigen Ernährung für den Erfolg im E-Sports näher. Und schließlich diskutierten wir mit Politiker:innen sowie Interessensvertreter:innen die Potenziale und die Zukunft des E-Sports in Deutschland. Die Formate waren dabei jeweils nicht länger als eine Stunde und wurden abwechselnd aus Köln und Berlin gestreamt.

Learnings für einen erfolgreichen Stream

Unseren Games & Politics-Stream haben mehr als 144.000 Menschen gesehen. Zu diesem Erfolg beigetragen haben neben der Community-Einbindung im Stream insbesondere die Verschränkung von Social Media-Promotion im Vorfeld, die Einbindung von Influencer:innen, die Reichweite in ihre Communities generierten, sowie die Platzierung unseres Streams auf der Startseite von twitch.tv.

Drei Learnings halten wir dabei fest:

  • Augenhöhe bedeutet Kontrollverlust: Wer einen Livestream von vorne bis hinten durchplant, begegnet seinen Zuschauer:innen nicht auf Augenhöhe. Die Plattform lebt aber von der Interaktivität. Diesen Kontrollverlust muss man zulassen. Durch die Beteiligung von Influencer:innen aus der Community kann man ihn sogar befeuern und von der Authentizität profitieren. Also: Live-Formate machen Spaß!
  • Neue Plattformen brauchen neue Formate: Die Übertragung von Veranstaltungen, „die wir schon immer gemacht haben“, werden keinen Erfolg haben. Man muss sich auf das Plattform-typische Setting einlassen. Deshalb: Twitch-User:innen wollen eingebunden werden.
  • Expertise aus der Community einbinden: Twitch-Gamer:innen können die Expertise einbringen, die nun einmal fehlt, wenn man irgendwo neu ist. Das sollte man sich trauen, um am Ende Glaubwürdigkeit gewinnen. Ganz klar: Lassen Sie sich auf die Plattform ein!

 

Über die Autorin

Marcel Schmidt und Sophie Petschenka sind Referent:innen für politische Kommunikation in der Konrad-Adenauer-Stiftung und dort für Gaming- und digitale Formate zuständig. Gemeinsam setzten sie mit der Digitalakademie der Konrad-Adenauer-Stiftung den Games&Politics Stream am 29.April 2021 um.

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