Expertenbeitrag

Mediale Resilienz: Trollarmeen und Pseudo-Debatten erkennen

Der digitale Raum: ein Ort mit beinahe unendlichen Möglichkeiten. Hier können wir uns austauschen, verbinden, organisieren und informieren. Alles und jeder ist nur einen Klick entfernt. Doch neben Likes, Hashtags und Katzenvideos gehören auch Shitstorms, Desinformationen und Trolle leider zum Alltag im Netz.

Die Demokratisierung von Informationen

In der prä-digitalen Zeit hat der Journalismus in seiner Rolle als Gatekeeper ausgewählt, welche Informationen für die Gesellschaft von Relevanz sind. Die obersten Gebote waren stets Objektivität und Rationalität. Das Ziel dabei war es, Bürgerinnen und Bürger mit Informationen zu versorgen, die sie benötigen, um sich an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen.

Heute kann jede Nutzerin und jeder Nutzer selbst entscheiden, welche Informationen sie als relevant einstufen. Doch nicht nur das. Sie werden auch selbst zu Produzenten von Information, können mitsprechen und sich Gehör verschaffen. Durch diese Demokratisierung von Informationen können Diskussionen pluralistischer und Randgruppen der Gesellschaft besser gehört werden. Allerdings wird es im Dickicht der digitalen Informationen und Meinungen zunehmend schwieriger, relevant von irrelevant und wahr von falsch zu unterscheiden.

Im Land der Märchen und Trolle

Aus dem Märchenbuch kennen wir Trolle als fiese, kleine Fabelwesen. Wenn wir von Trollen im Netz reden, sind es Personen, die bewusst Unruhe oder Chaos stiften wollen. Zum Beispiel durch die Verbreitung von irreführenden oder falschen Informationen, durch Beleidigungen, Diffamierung oder Provokation. Manche machen dies aus purer Erheiterung, hinter anderen steht eine politische Agenda.

Im besten Fall sind Trolle ‘nur’ nervig. Nach dem Motto “Don’t feed the trolls”, empfiehlt es sich, auf sinnlosen Hass oder provokante Aussagen nicht näher einzugehen. Eine Diskussion mit einem Troll ist in den meisten Fällen sinnlos, da diese nicht an Fakten interessiert sind. Ignorieren oder eine kurze Antwort mit einer Verlinkung zu weiteren Informationen ist hier meist der beste Weg.

Doch das ist leider nur die harmlose Variante. Trolle werden oft gezielt als Teil von organisierten Trollarmeen eingesetzt, um Desinformations-Kampagnen international und multilingual zu verbreiten. Ein Beispiel, das nicht aktueller sein könnte, ist die prorussische Propagandamaschinerie. Im Netz finden sich hunderte seltsame, oft anonyme Tweets, virale Videos und Bilder, die allesamt den Kreml-Narrativen beipflichten.

Die größte Gefahr dieser Trollarmeen und deren manipulierten Narrativen ist nicht, dass die breite Mehrheit der Gesellschaft Verschwörungerzählungen verfällt, sondern die daraus resultierende Unsicherheit, Spaltung und der Vertrauensverlust in die Medien und den politischen Diskurs.

Doch nicht nur organisierte Trollangriffe können dem sozialen Zusammenhalt schaden. Der Umgang und die Debattenkultur im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken, kratzen gewaltig am Kit der Gesellschaft.

Der digitale Stammtisch

Der von Habermas geprägte Begriff der Öffentlichkeit meinte einst einen Raum, in dem Menschen zusammenkommen und auf Basis von Fakten eine Diskussion führen. Doch davon ist auf Facebook, Twitter und Co. meist wenig zu spüren. Shitstorms, Empörung und Cancel Culture – unsere Kommunikationskultur in der digitalen Öffentlichkeit gleicht meist eher der Qualität einer spätabendlichen, alkoholisierten Diskussion am Stammtisch.

Ein Fehler, ein empörter Aufschrei, mediale Amplifikation: Ob Laschet lacht oder das angebliche Verbot Winnetous – die mediale Kettenreaktion eines Shitstorms im Netz sieht fast immer gleich aus. Informationen werden aus dem Kontext gerissen, Medien machen kleine Themen groß und Menschen fühlen sich dazu berufen, auch ihre Meinung in den Ring zu werfen.

Oft geht es im Kern um ein gesellschaftlich relevantes Thema, doch am Ende bleibt davon nicht viel übrig. Die entstandene Hysterie verhindert jegliche konstruktive Diskussion. Stattdessen entsteht eine "Wir-gegen-die"-Mentalität, Polarisierung und Spaltung, statt Erkenntnis und Auseinandersetzung.

Resilienz durch Kompetenz

Der wichtigste Schutzschild auf dem digitalen Schlachtfeld ist die Erkenntnis über die täglichen Manipulationsversuche und die Reflexion der eigenen digitalen Handlungen. Aufgebaut werden kann dieser Schild am besten durch Medienkompetenz. Nicht nur in Schulen, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft, insbesondere bei Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, wie etwa in den Medien oder der Politik.

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Denn die notwendige mediale Kompetenz geht weit über das Erkennen einer Desinformation, das Durchführen eines Quellen-Checks oder einer Bildrückwärtssuche hinaus. Um eine Resilienz aufzubauen, gehört es ebenso dazu, die Komplexität der Mechanismen von Desinformationen zu durchschauen, die Geschäftsmodelle der Big-Tech Firmen zu kennen und ein Verständnis für die Macht der Sozialen Netzwerke und die damit einhergehende Verantwortung zu haben.

Doch damit nicht genug: Wir sollten uns fragen, wie wir im Netz miteinander umgehen wollen. Warum sollten andere Verhaltensregeln gelten als im analogen Raum? Es ist absurd zu glauben, dass man alles über eine Person weiß, auf Basis eines einzigen, schlecht formulierten Tweets. Eine bessere Fehlerkultur im digitalen Raum könnte helfen, zu jeder Zeit auch den Menschen hinter einem Posting zu sehen. Denn der Hass, das Misstrauen, die Fragmentierung, das "wir gegen die anderen", ist letztlich das Ziel von Trollen und Desinformationen. Dem können wir entgegentreten, mit gesellschaftlichem Zusammenhalt, Reflexion und medialer Resilienz.

 

Meine Praxistipps

Gegen die alltäglichen Manipulationsversuche hilft:

  • Quellen-Checks durchführen: Woher kommt die Information? Wie vertrauenswürdig ist die Quelle? Ist der Account verifiziert? Ist das Impressum stimmig?
  • Inhalte und Optik prüfen: Sieht die Website seriös aus? Stimmt die URL? Gibt es Rechtschreibfehler?
  • Bildersuche anwenden: Passt das Bild in den Kontext? Ist es schon in einem anderen Zusammenhang veröffentlicht worden (Bildrückwärtssuche)?

 

Sicherer Umgang mit Desinformation gelingt mit:

  • Hintergrundwissen zu den Mechanismen von Desinformationen: Wie arbeiten Troll-Armeen? Wo finde ich überprüfte Informationen?
  • Hintergrundwissen zu Geschäftsmodellen der Social-Media-Plattformen: Wie verdienen Unternehmen wie Facebook und Twitter Geld? Welche Kontrollmöglichkeiten zu meinen Daten habe ich als Nutzer?
  • Hintergrundwissen zu den technischen Faktoren von Desinformation: Welche Rolle haben Algorithmen? Wie funktioniert das Netzwerkdurchsetzungsgesetz?

Über die Autorin

Valerie Scholz ist Journalistin und Sozialunternehmerin. Sie ist Mitgründerin von "Facts for Friends", einem sozialen Start-up mit der Vision, die national und international bekannte Plattform zu werden, die Fact-Checking für alle Nutzerinnen und Nutzer digitaler sozialer Medien zugänglich, bequem und attraktiv macht. Mit einfachen, aber innovativen Fact-Checking-Formaten, wie kurzen Short-Vertical-Videos und Sharepics, werden die User motiviert und befähigt, in ihrem eigenen digitalen Umfeld gegen Desinformation vorzugehen. ​​​​​​​

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Hand aufs Herz: Ein Plädoyer für neue Schwungbringer in der Partei
Meinungsbeitrag

Hand aufs Herz: Ein Plädoyer für neue Schwungbringer in der Partei

Das Wahljahr 2021 war für die CDU kein erfolgreiches. Doch auch für die zweite große Partei in Deutschland, die SPD, war 2021 keine Erfolgsstory – trotz der gewonnenen Bundestagswahl. Dass Volksparteien in der Krise sind, wurde ebenso mannigfaltig diskutiert wie inhaltliche Themen und Spitzenpersonal. Daher sei vorweg bemerkt:

Dies ist ein Beitrag, der sich explizit nicht mit Spitzenkandidaten oder inhaltlichen Themen als Faktoren für Wahlniederlagen und -siege beschäftigt.

Dies ist ein schonungsloses Plädoyer für neuen Schwung, frische Strukturen, Bodenhaftung und Verbundenheit in politischen Parteien. Objekt der Betrachtung ist die CDU.

Neue Strukturen = neuer Schwung?

Subsidiarität hat Tradition in der Bundesrepublik. Das ist auch gut so. Politik auf Bundes-, Landes- und lokaler Ebene kann und darf nicht zentralistisch gesteuert werden. Doch stößt das Management der Partei auf all diesen Ebenen strukturell und operativ oft auf gewisse Grenzen. Die Belastungsproben für diese Strukturen sind typischerweise Wahlkämpfe. Kann die CDU, deren Mitgliederzahl sich in den vergangenen 30 Jahren fast halbiert hat, noch darauf setzen, dass ehrenamtliche Helferinnen und Helfer tagelang vor Ort plakatieren, an tausende Haushalte Flyer verteilen und sich mehrfach an den Stand in der Fußgängerzone stellen, um bei Passanten für die CDU zu werben?

Die hauptamtlichen Kampagnenprofis, Strategen, PR-Manager und andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sitzen in der Bundesgeschäftsstelle und den CDU-Geschäftsstellen der Landesverbände in den Hauptstädten. Darunter kommen (zumindest in den größeren Flächenländern) die Bezirksverbände, wiederum darunter die Kreisverbände und ihre Kreisgeschäftsstellen. Kommt man auf letztgenannter Ebene an, ist das Ende der hauptamtlichen Strukturen erreicht (keineswegs das Ende der Professionalität!). Die meisten der 325 CDU-Kreisverbände können ihre Kreisgeschäftsstelle heutzutage nicht mehr in Vollzeit mit einer hauptamtlichen Geschäftsführung versehen. Die Alternative ist oftmals: Zwei oder drei Kreisverbände teilen sich eine Kreisgeschäftsführerstelle oder sie können sie nur in Teilzeit besetzen. Auf der Ebene der rund 10.000 Ortsverbände gibt es folglich keinerlei hauptamtliche Struktur.

Mit dem Abnehmen hauptamtlicher Strukturen von „oben nach unten“ geht unweigerlich einher: Diejenigen, die Wahlkämpfe vor Ort unterstützen, umsetzen und mittragen sollen, befinden sich am „receiving end“ der Struktur. Spätestens im Wahlkampf ergeben sich Sollbruchstellen in der Kollaboration zwischen Orts- und Kreisverbänden sowie Kreis- und Landesverband.

Gerade, wenn man die Kreisebene betrachtet, fällt auf: Von den Kreisgeschäftsführerinnen und den Kreisgeschäftsführern der CDU wird vor Ort viel verlangt. Die Finanzen müssen stimmen, es muss fristgerecht zu Vorstandswahlen, Nominierungen und anderen Veranstaltungen eingeladen werden, die Mitgliederdatenbank muss gepflegt sein. Kommt dann ein Wahlkampf daher, sollen die eigenen Kandidatinnen und Kandidaten vor Ort unterstützt werden und die Wahlkampfvorgaben der Landes- oder Bundesgeschäftsstelle umgesetzt werden. Die Ortsverbände und Ehrenamtlichen müssen natürlich auch koordiniert werden. Je stärker der Mitgliederschwund in der Partei voranschreitet, desto mehr gerät die operative Struktur aus Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen unter Druck.

Um die genannten Sollbruchstellen zischen den Parteiebenen zu kitten und durchgängig kampagnenfähig zu sein, braucht es: neue Schwungbringer! Diese könnten in Form hauptamtlicher „Regional Manager“ für mehrere Kreisverbände unterhalb der Landesebene zuständig sein. Ihre Arbeit wäre politischer, nicht administrativer Natur. Sie wären Kampagnenwegbereiter, Vorortkümmerer, Wahlkampfumsetzer und Sorgenabnehmer für die Kreisverbände und ihre Geschäftsstellen.

Kritsch kann man nun fragen: Eine zusätzliche Ebene? Noch mehr Hauptamtliche? Die Antwort wäre: Nein. Es bräuchte lediglich eine veränderte Job Description für diese neue Gattung von Hauptamtlichen.

Ein Beispiel: Im einem mittelgroßen Bundesland X gibt es derzeit

1 CDU-Landesverband (= 1 Landesgeschäftsstelle)
5 CDU-Bezirksverbände
40 CDU-Kreisverbände

Um eine effiziente Struktur zu schaffen, bräuchte er hier nicht 40 Kreis- und fünf Bezirksgeschäftsführer, sondern – so das Gedankenspiel – zehn regionale Partei-Service-Center, aus denen heraus die regionalen Partei-Manager agieren, aktivieren und implementieren. Ihr Ziel: ein umfassender Dienst für die Partei und deren Mitglieder in ihrer jeweiligen Region. Wichtig hierbei: Es soll keineswegs die Verankerung der CDU vor Ort aufgelöst werden. Dass Kreis- und Ortsverbände innerhalb ihrer eigenen Aufgaben agieren können, bleibt unfraglich wichtig. Doch ginge operative Verantwortung von der Ebene der Kreisgeschäftsstellen auf die der regionalen Manager über.

Und darum: Hand aufs Herz!

Wer schonungslos ehrlich ist, erkennt unweigerlich, dass selbst mit positiveren externen Bedingungen das Wahljahr 2021 nicht rosig geworden wäre für die CDU. Ebenso gehört zur Ehrlichkeit die Prognose, dass mit einer veränderten Managementstruktur noch lange kein neuer Schwung garantiert ist.

Für neuen Schwung braucht es auch die Fähigkeit, Menschen zu vermitteln, dass die Volkspartei CDU ihre politische Heimat sein kann. Wer für ein gesellschaftliches oder politisches Thema brennt, sich interessiert und deswegen sogar aktiv werden will, sucht die passende Plattform dafür heutzutage seltener in einer politischen Partei. Ein Zuhause bietet den Suchenden eher der vorpolitische Raum. Sich bei Fridays for Future oder der örtlichen Bürgerinitiative zu engagieren, liegt meist näher als das Engagement in einer Partei. Jahrzehntelang war die CDU stolz auf Anzahl und Größe ihrer Ortsverbände, ihren Charakter als Kommunalpartei und ihre Verankerung im Vereinsleben. Doch politische Heimat zu sein, geht nicht ohne eine emotionale Einbindung ins große Ganze, ohne das Gefühl, dazu zu gehören, ohne Mitmach-Charakter.

Das Kuriose dabei ist, dass genau den politischen Parteien in Deutschland vom Grundgesetz jene Privilegien zugesprochen werden, die es braucht, um Menschen im gesellschaftlichen und politischen Raum mitentscheiden lassen zu können. Bürgerinitiativen und Bewegungen hin oder her, das engagierte, politisch erfüllte Leben als Mitglied einer Partei ist möglich. Nur muss die Partei auch zeigen, dass sie den Menschen genau das ermöglich kann und will.

Über den Autor

Benedikt Seemann leitet bei der CDU-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag den Leitungsstab. Bis zur Landtagswahl im März 2021 war er Wahlkampfmanager beim CDU-Landesverband in Rheinland-Pfalz. Von 2014 bis 2019 war er für die Asienabteilung der Konrad-Adenauer-Stiftung im In- und Ausland tätig.

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