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Expertenbeitrag

Wahlkampf 2020: Alles wie immer?

Der Wahlkampfkalender für die zweite Jahreshälfte 2020 sah vor allem zwei Wahlen vor, welche im Wesentlichen nichts mit einander zu tun haben würden. Die Wahlen in den USA und der Kommunalwahlkampf an Rhein und Ruhr.

Aber dann wurde durch den Einfluss der Corona-Pandemie auf beiden Seiten des Atlantiks alles durcheinandergewirbelt, alte Pläne und Strategien verworfen. Man musste sich neu aufstellen und Gewissheiten, Methoden, Strategien und Taktiken neu bewerten und ggf. ausmisten, neue Methoden und Formate für die Wähleransprache finden.

Während in den USA der Wahlkampf erst am „first Tuesday after the first Monday in November“, also am 3. November beendet sein wird, ist in Nordrhein-Westfalen die Wahl bereits am 13. September.

In den USA ist spitzt sich der Wahlkampf erst langsam zu. Auch wenn es manchmal schwer fällt zu glauben, der aktuelle Präsident könnte in seinem Verhalten noch weiter eskalieren: Bedingt durch das Wahlsystem der USA werden die Medienbudgets traditionell erst in den letzten Wochen des Oktober und dann nochmals extremer den letzten Wahlkampftagen des November in den heiß umkämpften TV-Märkten der sogenannten „Swing-“ oder „Battleground-States“ ausgeschüttet.

Für alle Wahlkämpfer auf beiden Seiten des Atlantiks muss das „GOTV“ (Get out the Vote), also die Mobilisierung der eigenen Wähler bis zum Wahltag das Ziel aller Anstrengung sein.

Die Erfahrungen aus den Wahlkämpfen der vergangenen Jahre in Deutschland haben klar gezeigt, dass der „Door2Door“-Wahlkampf, also der klassische Wahlkampf an den Haustüren, einen enormen Erfolg im Bereich GOTV aufweist – vor allem, wenn man hier die entsprechenden Apps zur technischen Unterstützung zur Hilfe nimmt.

Corona hat bereits die Wahlkampfplanung auf beiden Seiten des Atlantiks erheblich durcheinandergewirbelt, (Wahlkampf-/Nominierungs-)Parteitage wurden abgesagt und verschoben oder in ganz anderer Form veranstaltet. Wer hätte gedacht, dass ein Nominierungsparteitag einer Gemeinde am Niederrhein unter freiem Himmel stattfinden wird? Auch die Republikaner in den USA hadern im Moment mit dem Procedere für die Convention, mit der sie ihren Kandidaten für die Wahl im November offiziell festlegen werden. Die bisher geplante Convention in Jacksonville, Florida wird so nicht stattfinden und (wahrscheinlich) größtenteils in virtuelle Form überführt werden.

Welchen Einfluss hat aber Corona auf den Wahlkampf vor Ort in Nordrhein-Westfalen? Hier einige Hinweise und Ideen, den Wahlkampf bis zum 13. September möglichst sicher und am Ende gewinnbringend durchzuführen.

Für die Durchführung aller Veranstaltungen gilt im Moment als allererstes die Coronaschutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen. Die hier niedergelegten Regularien bilden aktuell die Grundlage jeglicher Art öffentlichen Handelns in Anwesenheit mehrerer Personen. Die Grundlagen des „Social Distancing“ mit Maskenpflicht, Abstandhalten und Nachvollziehbarkeit des Teilnehmerkreises müssen bei Veranstaltungen strikt beachtet werden.

Digitales

Durch Corona wurde an vielen Stellen die Digitalisierung vorangetrieben, diese kann (und muss) als Chance verstanden werden. Alt-bekannte Formate wie z.B. Bürgersprechstunden, (offene) Vorstandssitzungen und (digitale) Nachbarschaftstreffen können nur ein Anfang der Möglichkeiten digitaler Wahlkampfarbeit sein.

Ein besonderes Augenmerk muss auf einen sauberen Auftritt in den mittlerweile etablierten sozialen Medien gelegt werden. Facebook, Instagram, die eigene Homepage, eventuell Twitter und Youtube sollten bedacht werden. Aber auch für den digitalen Auftritt gilt – wie für das eigene (analoge) Auftreten im Real-Life: Authentisch muss es sein!

Livestreams sind auf Grund der neuen Möglichkeiten der Technik nicht mehr den traditionellen Medien und großen Firmen vorbehalten. Eine Verknüpfung von On- und Offline kann hier zu Synergien führen. Vor allem darf das digitale Angebot nicht als „Einbahnstraße“ verstanden werden, hier muss das Angebot zur Kommunikation immer mit beachtet werden.

Bei Nutzung von Facebook und Instagram ist auch das Thema „Bezahlte Werbung“ mitzudenken, hier kann durch den Einsatz überschaubarer Mittel ein Publikum erreicht werden, das normalerweise außerhalb der eigenen Filterblase ist. Allerdings ist gerade das Thema „Targeting“, also die Auswahl der richtigen Zielgruppe, keinesfalls trivial und erfordert einiges an Vorüberlegungen, um dann in eine gesunde Strategie für Tests und einen beständigen Austausch mit Experten zu münden.

Wie „offline“ gilt es auch „online“ ein besonderes Augenmerk auf die Besonderheiten der lokalen Gegebenheiten zu legen. Welche lokalen Portale gibt es, welche Themen sind hier präsent? Das Netz ist hier als Seismograph zu nutzen und auch zur digitalen Beobachtung der Mitbewerber darf es nicht vernachlässigt werden, sondern muss als Chance zur Optimierung der eigenen Strategie begriffen werden.

Offline

Die geltenden Abstands- und Hygieneregeln stellen hohe Anforderungen an Veranstaltungen in geschlossenen Räumen. Hier gilt es, wenn möglich, nach innovativen Formaten unter freiem Himmel zu suchen. Veedels-, Orteils- und Quartierspaziergänge können die Sichtbarkeit erhöhen und Möglichkeiten für ein niederschwelliges Kommunikationsangebot bieten. Radtouren können den Radius z.B. in Bürgermeisterwahlkämpfen erweitern, so dass bei guter Planung auch verschiedene Stationen im Wahlgebiet besucht werden können. Müllsammelaktionen können sowohl die Sauberkeit im Wahlbezirk verbessern, als auch die eigene Sichtbarkeit vor Ort erhöhen. Gleichzeitig bieten sie die Möglichkeit zur Vorberichterstattung/Terminankündigung und anschließender Berichterstattung in den eigenen sozialen Medien.

Auch der bereits angesprochene Haustürwahlkampf ist unter Umständen noch durchführbar, aber hier gilt es in besonderer Weise die Regeln der Hygieneschutzkonzepte einzuhalten. Maske und Handschuhe sind hier bester Begleiter. Gegebenenfalls kann bei verschiedenen Wahlkampf Materialien über einen digitalen Ersatz/digitale Ergänzung nachgedacht werden. Hier ist vor allem die lokale Corona-Situation zu beachten, nicht immer muss das „Klingeln“ an der Haustüre das ideale Vorgehen sein, ggf. kann auch der Einwurf der Materialien mit der Angabe der Kontaktmöglichkeiten das passendere Vorgehen sein.

Verbindung von On- und Offline

Bei allen Aktionen sollte immer mitgedacht werden, wie man das jeweils andere Setting mitbedienen kann, zum Beispiel, wie kann man bei „Online-Maßnahmen“ eine Wirkung im Offline erreichen, oder wie kann man Online-Zuschauer bei Offline-Maßnahmen einbinden.

Kontaktangebote

Durch den Corona bedingten Wegfall vieler Feste, Umzüge und anderer Möglichkeiten aus dem vorpolitischen Raum entfallen auch die Chancen, bei solchen Veranstaltungen mit potentiellen Wählerinnen und Wählern in Kontakt zu kommen. Jetzt müssen solche Kontaktangebote selbst geschaffen werden. Hier gilt es kreativ zu sein und mit Angeboten, die der jeweiligen lokalen Situation angepasst sind, nach draußen zu gehen und vor Ort als Ansprechpartner präsent zu sein. Dies kann auf verschiedene Arten durchgeführt werden, sei es durch Angebote zu Video-Konferenzen oder auch kleine eigene Veranstaltungen vor Ort, über die dann berichtet werden kann – auf eigenen Kanälen oder in den Medien.

Einige Punkte sind als „Merkposten“ zu beachten.

  1. Authentizität ist ein Muss: Egal was man tut - es muss zu einem passen, das gilt on- wie offline.
  2. Es darf keine reine Online- oder Offline-Kampagne geben. Es zählt der Mediamix und alle Aktionen haben im Idealfall ein Echo in der jeweils anderen Sphäre der Kampagne. Dies gilt bei positiven wie negativen Reaktionen/Echos.
  3. Mutig sein: außerhalb der Box denken/ohne die eigene Zensurschere in die Ideenfindung gehen! Die Realität holt einen schon auf den Boden!
  4. Nach der Kampagne und dem Wahlabend eine offene Auswertung der Kampagnenaktivitäten durchführen und stetige Verbesserungen einplanen!
  5. Corona-Sonder-Merkposten: Gesund bleiben, behördliche Auflagen befolgen und dann hoffentlich erfolgreich in die neue Ratsperiode starten!

Briefwahl 2020

In Zeiten von Corona sollte man mit Nachdruck von Beginn an für die Stimmabgabe per Briefwahl werben, da aufgrund der erhöhten Hygiene-Vorschriften unter Umständen bisherige Wahllokale in Schulen, Kindergärten und Altenheimen nicht mehr zur Verfügung stehen. Da es gilt, persönliche Kontakte und Schlange-Stehen bei der Stimmabgabe an der Urne am Wahltag möglichst zu begrenzen, ist die Anregung zur Briefwahl für große Teile der Wahlberechtigten als eine der zentralen GOTV-Strategien anzusehen. Der Hinweis auf die Möglichkeit der Direktwahl in den Rathäusern ist auch als ein weiterer Bestandteil, die Stimmabgabe in Zeiten von „Social Distancing“ zu ermöglichen und die Wahlbeteiligung hoch zu halten, zu verstehen.

 

Über den Autoren

Michael Sieben ist Referent für Bürgerschaftliches Engagement bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Mit Wahlkämpfen im In- und Ausland beschäftigt er sich seit über 20 Jahren.

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