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Expertenbeitrag

Verschwörungstheorien und Scheinriesen

In der bekannten Geschichte von Michael Ende begegnen Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, Herrn Turtur. Herr Turtur ist ein Scheinriese, der mit zunehmender Entfernung nicht kleiner, sondern größer aussieht. Solche Scheinriesen gibt es auch in Politik, Wissenschaft, Medien und anderen Bereichen der Gesellschaft. Im täglichen Geschäft ergeben sich aus den inneren Sachlogiken der Bereiche vielfältige Einschränkungen und Grenzen des Handelns. Doch je größer die Entfernung ist, desto größer wirkt die Entscheidungsfreiheit, bis sie schließlich gigantische Ausmaße annimmt. Wenn die Eliten in diesen Feldern dann aber dennoch nicht alle Probleme lösen, müssen sie doch von bösen Mächten gesteuert sein – oder selbst böse Absichten verfolgen.

Verbreiteter Glaube an Verschwörungstheorien

Ungefähr diesem Schema folgen Verschwörungstheorien, die eine geheime Macht sehen, die die Welt steuert. Nun glauben keineswegs alle Menschen an Verschwörungstheorien, nach denen die Welt von geheimen Mächten gesteuert wird. Aber sehr viele.

Bereits bevor die Corona-Pandemie in ihren breiten Auswirkungen die deutsche Gesellschaft erfasste, hielt ein erheblicher Teil der deutschen Bevölkerung eine Weltverschwörung für wahrscheinlich oder war gar überzeugt von ihr. In einer repräsentativen Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung sollten die Befragten einschätzen, ob Aussagen sicher oder wahrscheinlich wahr bzw. falsch seien. Das Ergebnis ist bemerkenswert. Elf Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland sind sich sicher, dass die Welt von geheimen Mächten gesteuert wird. Weitere 19 Prozent halten dies für wahrscheinlich. Damit können sich drei von zehn Menschen eine Weltverschwörung mindestens vorstellen.

Verschwörungstheorien sind falsch

Um es deutlich zu sagen: Verschwörungstheorien sind falsch. Ohne Frage: Es gibt Absprachen, die zumindest eine Weile geheim bleiben; es gibt einflussreiche, mächtige Menschen; es gibt Menschen, die böse Ziele verfolgen – oder zumindest Ziele, die von Menschen mit anderen Werten und Vorstellungen als böse wahrgenommen werden. All dies gibt es. Aber die Steuerung der Welt von einzelnen Personen oder bestimmten Gruppen gibt es nicht. Die Welt ist zu komplex, um gesteuert zu werden. Es gibt zu viel Zufall, zu viele eigensinnige Menschen, zu viel Ungeschicklichkeit oder Pech, um einen weltumspannenden Plan über lange Zeit entwerfen und ausführen zu können. Umso erstaunlicher ist, wie viele Menschen dennoch Verschwörungstheorien für möglich halten.

Wer glaubt an Verschwörungstheorien?

Was Menschen dazu bringt, an Verschwörungstheorien zu glauben, ist nicht vollständig aufgeklärt. Zunächst ist deutlich: Glaube an Verschwörungstheorien gibt es in allen Teilen der Gesellschaft. Junge und Alte, Ost und West, Menschen mit hohen oder niedrigen formalen Bildungsabschlüssen, in all diesen Gruppen finden sich Menschen, die überzeugt sind von den geheimen Mächten, die die Welt steuern. Sichtbar ist ein Unterschied nach Bildungsabschlüssen: Bei Menschen mit Hochschulabschluss sind sich vier Prozent sicher, dass geheime Mächte die Welt steuern; bei Befragten mit bis zu neuen Schuljahren sind dagegen 19 Prozent von einer Weltverschwörung überzeugt.

Auffällig ist der Mangel an Vertrauen in öffentlich-rechtliche Medien, der zusammen fällt mit dem Glauben an Verschwörungstheorien. Ob es sich dabei aber um eine Ursache oder eine Wirkung des Glaubens an Verschwörungstheorien handelt, lässt sich nicht sagen. Unter den Anhängern der AfD finden sich mit 27 Prozent mehr, die sicher von einer Weltverschwörung ausgehen, und weitere 29 Prozent halten dies für wahrscheinlich, aber auch bei den Anhängern aller anderen Parteien gibt es einen nennenswerten Anteil, der eine Steuerung der Welt durch geheime Mächte für wahrscheinlich oder sicher richtig hält.

Der Glaube an Verschwörungstheorien ist eine „Selbsterhöhung“, weil ihm die Überzeugung zugrunde liegt, (fast) alle anderen ließen sich hinters Licht führen, während man selbst die eigentlich offensichtliche Wahrheit erkannt hat. Einmal auf diesem Pfad wird es dann immer schwieriger, die Meinung zu ändern und auf diese Selbstbestätigung zu verzichten. Weit angenehmer ist es, weitere bestätigende Informationen zu sammeln – und in den Weiten des Internets findet sich das Material dazu.

Bedrohung durch Verschwörungstheorien

So unterhaltsam und manchmal skurril Verschwörungstheorien daherkommen, sie sind nie harmlos. Sie beschuldigen einzelne Personen oder Menschen in Organisationen böser, hinterhältiger Machenschaften. Dies können teilweise schwere Anschuldigungen sein, jedenfalls ist es aber Rufmord. Immer wieder ziehen auch Gewalttäter Verschwörungstheorien als Begründung heran. Auch wenn bei den Tätern weitere, vielleicht wichtigere Gründe für ihre Taten hinzukommen müssen, bleiben Verschwörungstheorien ein Element.

Nicht nur Einzeltäter, auch autoritäre Staaten benutzen immer wieder Verschwörungstheorien, um Unterdrückung und Aggression zu rechtfertigen. Der Nationalsozialismus ist dafür ein Beispiel.

Doch auch jenseits von Gewalttaten sind Verschwörungstheorien hoch problematisch. Abhängig von ihrer Stoßrichtung und ihren Inhalten untergraben sie mehr oder minder stark das Vertrauen in zentrale Institutionen, wie Politik, Wissenschaft und Medien. Dabei geht es wohl gemerkt nicht um Kritik an bestimmten Politikern, Wissenschaftlern oder Medienprodukten. Solche Kritik ist Teil der pluralen Demokratie. Zielscheibe sind vielmehr die Politik insgesamt, die Wissenschaft insgesamt und die Medien insgesamt, unabhängig von ihrer Vielfalt. Dabei werden sie aber nicht nur als unfähig oder eigensüchtig dargestellt, wie dies der (ebenfalls sehr problematische) Populismus tut, sondern als verschlagen und tief böse. Damit werden nicht nur wesentliche Institutionen der Gesellschaft angegriffen, sondern es sind praktisch alle Lösungswege verstellt. Wenn die Wissenschaft als Instanz zur Wahrheitsfindung ausgeschlossen ist, die Politik zur Kompromissfindung ausfällt und nur bestätigende Medien als Informationsquelle akzeptiert werden, bleibt kaum Raum zur Verständigung.

Wo ist der Ausweg?

Der Glaube an Verschwörungstheorien lässt sich nicht einfach aus der Gesellschaft verbannen. Historisch glauben heute vermutlich deutlich weniger Menschen an Verschwörungstheorien als dies früher der Fall war.

Eine Kommunikationsstrategie, die Verschwörungstheorien etwas entgegensetzt, wäre der Hinweis auf Irrtum, Zufall und die Grenzen der Steuerungsmöglichkeit. Dass diese Argumente eher selten aus der Politik heraus vorgebracht werden, hat gute Gründe. Politiker wollen gewählt werden und werben für ihre Wahl mit dem Versprechen, Probleme zu lösen und die Bedrohungen durch Zufall oder Schicksal zumindest abzumildern. Wer für eigenes entschiedenes Handeln wirbt, kann schlecht die engen Grenzen und Unklarheiten bei diesem Handeln mitkommunizieren.

So fällt diese Aufgabe anderen zu. Dass auch Politiker, Wirtschaftsvertreter und Journalisten Menschen sind, die sich irren können, dazulernen, nicht alles wissen oder erfassen können – diese einfache und offensichtliche Wahrheit gilt es im Bewusstsein zu halten. Genauso ist es bei Organisationen. Auch in Ministerien, Interessensverbänden oder Medienhäusern gibt es Missgeschicke, Uneinigkeit und eigenwillige Mitarbeiter. Kurz: Es geht um den Riesen Turtur, der eben nur ein Scheinriese ist und aus der Nähe betrachtet zwar etwas größer oder kleiner ist als andere, aber eben nicht riesig.

Die Umfrage

Für die Umfrage zu Verschwörungstheorien der Konrad-Adenauer-Stiftung wurden 3.250 Wahlberechtigte in Deutschland zwischen Oktober 2019 und Februar 2020 telefonisch von dem Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap befragt.

 

Über den Autor

Dr. Jochen Roose studierte Soziologie an der Freien Universität Berlin, wo er auch promovierte und habilitierte. Er war Juniorprofessor an der Freien Universität Berlin, Vertretungsprofessor an der Universität Hamburg und Professor an der Universität Breslau. Seit 2018 arbeitet er für die Konrad-Adenauer-Stiftung im Bereich der Wahl- und Sozialforschung.

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