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Wie ist die Demokratie Starterbox für Berufsschulen entstanden?

Wie können wir Berufsschülerinnen und Berufsschüler für das Thema Demokratie begeistern? Welche Herausforderungen ergeben sich für Lehrkräfte, wenn sie in einer politisch aufgeladenen Zeit mit jungen Menschen darüber sprechen – und wie gehen sie damit um? Diese und viele weitere Fragen begleiteten uns, als wir die Demokratie Starterbox entwickelt haben.

Gemeinsam von der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Education Innovation Lab entwickelt, bringt die “Demokratie Starterbox” Demokratiebildung spielerisch in den Unterricht. Von Anfang an war es uns wichtig, die Perspektiven und Erfahrungen derjenigen einzubeziehen, die später mit der Box arbeiten werden. Grundlage des Entwicklungsprozesses war der Innovationsansatz Human Centered Design*. Dieser stellt die Menschen mit ihren Bedürfnissen in den Mittelpunkt und berücksichtigt den Kontext, in dem sie agieren - in unserem Fall, in dem sie lehren und lernen. Unser Ziel ist es, ein Angebot zu schaffen, das Lehrkräfte und Lernende nicht nur inhaltlich anspricht, sondern sie auch emotional erreicht.
Nicht für, sondern mit Menschen arbeiten – der Double Diamond Ansatz

Double_Diamond

Quellenangabe Quelle: British Design Council
The Double Diamond by the Design Council is licensed under a CC BY 4.0 license.

Ein menschenzentrierter Designprozess lässt sich anschaulich am Beispiel der Double Diamond Methode darstellen. Beide „Diamanten“ bestehen jeweils aus einer divergenten (Discover, Develop) und einer konvergenten Phase (Define, Deliver). In den divergenten Phasen geht es darum, möglichst viele Perspektiven (Discover) bzw. Lösungsansätze (Develop) zu erarbeiten. Es handelt sich um Phasen des Öffnens. In den konvergenten Phasen schließen sich die Diamanten, indem gewonnen Erkenntnisse in einen klar definierten Arbeitsauftrag (Define), bzw. eine definitive Lösung (Deliver) übersetzt werden.

 

Entdecken (Discover)

Die Phase Discover des ersten Diamant dient dazu, eine Herausforderung zu verstehen, anstatt Annahmen über diese zu treffen. Dazu gehört, mit den betroffenen Menschen zu sprechen und ihre Perspektive kennenzulernen. In unserem konkreten Fall bedeutet dies, dass wir als Konzeptionsteam keine Hypothesen darüber bilden, was gut für die Schülerinnen und Schüler sein könnte, sondern uns fragen:

Wie ist die Situation in den Berufsschulen? Wie erleben Lehrkräfte, die mit der Pilotversion der Box arbeiten, ihre Schülerinnen und Schüler und was bewegt diese im Alltag?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, führten wir im ersten Schritt Interviews mit Lehrkräften aus verschiedenen Bundesländern und gewannen viele wertvolle Einblicke.

Eine zentrale Erkenntnis war, dass Demokratie von vielen Lernenden als zu abstrakt wahrgenommen wird, was ihre Motivation zur Auseinandersetzung hemmt. Daher ist es entscheidend, einen Lebensweltbezug herzustellen, etwa durch Fragen wie: „Wo spielt Demokratie in meinem persönlichen Alltag eine Rolle?“

Zudem berichteten Lehrkräfte, dass sie häufig mit Lernenden konfrontiert sind, die populistische Positionen vertreten, ohne sich mit diesen wirklich auseinanderzusetzen. Um diese Jugendlichen zu erreichen, ist eine wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe notwendig.

Darüber hinaus zeigte sich, dass die Lerngruppen sehr heterogen sind. Daher ist es wichtig, eine verständliche Sprache zu verwenden, die allen einen leichten Zugang zum Thema ermöglicht.

 

Definieren (Define)

In der Define-Phase werden die gesammelten Erkenntnisse strukturiert, ausgewertet und verdichtet. Ziel ist es, die eigentliche Herausforderung klar zu formulieren und sie in konkrete Gestaltungsfragen zu übersetzen. Diese werden häufig als sogenannte „Wie könnten wir...“-Fragen formuliert.

In unserem Projekt lauten diese u.A.:

  • Wie könnten wir die Lebensrealitäten der Schülerinnen und Schüler einbeziehen?
  • Wie könnten wir Schülerinnen und Schüler befähigen, sich kritisch mit populistischen Positionen auseinanderzusetzen?
  • Wie könnten wir den Schülerinnen und Schülern über unsere Materialien wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen?

Diese Fragen schließen den ersten Diamanten ab und bilden die Grundlage für den Einstieg in den zweiten Diamanten.

 

Entwickeln (Develop)

In der Phase Develop wird der Möglichkeitsraum weit geöffnet, um viele Ideen zu entwickeln, wie sich die identifizierten Fragen beantworten lassen. Nach einer kreativen Ideenfindungsphase (Brainstorming) folgt die Konkretisierung, in der aus den besten Ansätzen ein umsetzbares Konzept entsteht.

Das Ergebnis unseres Prozesses ist die Demokratie Starterbox mit dem Titel: Was hat Demokratie mit mir zu tun? Hierbei handelt es sich um ein hybrides Lernmaterial. Dieses umfasst ein analoges Kartenset für die Moderation im Klassenzimmer und Karten mit QR Codes für den Einstieg in die digital aufbereiteten Themenmodule. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten auf einer browserbasierten Anwendung, die für das Handy konzipiert ist. Damit möchten wir Jugendliche über ein ihnen vertrautes Medium erreichen und gleichzeitig analoge Lernräume schaffen, in denen sie ihre Lernerfahrungen reflektieren können.

Die Materialien sind als „Challenges“ aufgebaut, die in Zweierteams bearbeitet werden. Jede Challenge endet mit einer Reflexion im Klassenverband,moderiert durch die Lehrperson. So entsteht ein aktiver, dialogorientierter Lernprozess, der sowohl digitale als auch persönliche Interaktion fördert.

Die Demokratie Starterbox beinhaltet verschiedene Themenmodule, die kontinuierlich erweitert werden. Bisher haben wir folgende Module definiert:

  • Hör mir doch mal zu! (Schwerpunkt: Dialogkompetenz & Meinungsbildung)
  • Demokratie. Nein danke! (Schwerpunkt: Politikverdrossenheit & populistische Positionen)
  • Dein Smartphone weiß, was du willst. Weißt du es auch? (Schwerpunkt: digitaler Raum & Selbstbestimmung)

Zunächst erarbeiteten wir ein inhaltliches Konzept für das Modul „Hör mir doch mal zu!“. Unsere Produktidee sowie das inhaltliche Konzept stellten wir anschließend jenen Lehrkräften vor, die bereits in der Discover-Phase interviewt worden waren. Ziel war es, ihre Rückmeldungen einzuholen und herauszufinden, inwieweit unser Ansatz überzeugte, und welche Aspekte wir noch weiterentwickeln bzw. verwerfen sollten.

 

Implementieren (Deliver)

In der letzten Phase, Deliver, werden die Konzeptideen in eine praktische Lösung überführt. Zunächst entsteht ein Prototyp, der das Konzept greifbar macht und in Tests mit der Zielgruppe überprüft wird. So lässt sich frühzeitig erkennen, welche Elemente gut funktionieren und wo noch Anpassungen erforderlich sind. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen anschließend in die Überarbeitung und Finalisierung des Produkts ein. Die Testphase wird auch nach der Veröffentlichung der Demokratie Starterbox fortgeführt.

Bei der Vermittlung der Inhalte war und ist es uns wichtig für alle folgenden Module und Weiterentwicklungen, eine einfache und verständliche Sprache zu verwenden, um der heterogenen Zielgruppe an den Berufsschulen gerecht zu werden. Außerdem sollten die Inhalte so gestaltet sein, dass sie den räumlichen Einschränkungen auf mobilen Endgeräten entsprechen. Daher wurden ergänzend visuelle Elemente eingeplant.

Den ersten Prototypen konnten wir mit mehreren Berufsschulklassen testen. Dabei zeigte sich, welche Aspekte bereits gut funktionierten und an welchen Stellen noch Verbesserungsbedarf bestand. Diese Ergebnisse flossen in die nächste Iteration des Prototyps ein. Die Texte wurden umfassend durch Illustrationen ergänzt, sodass beide Ebenen – Text und Bild – eine gemeinsame Informationsebene bilden. Dies erleichtert den Zugang zu den Inhalten und vermittelt gleichzeitig Wertschätzung gegenüber den Lernenden, denn lebendige Gestaltung vermittelt, dass das Lernen Freude machen darf.

Aus dem Testing ergab sich außerdem die Erkenntnis, dass die Schülerinnen und Schüler den Austausch untereinander sehr schätzen, dabei jedoch methodisch mehr Unterstützung benötigen. Diese Beobachtung nutzten wir, um die entsprechenden Aufgaben kleinschrittiger und strukturierter aufzubereiten.

 

Wann kommt die Demokratie Starterbox in die Berufsschulen?

Am 4. November wurde im Rahmen des International Civic Education Summits die Demokratie Starterbox in einer Pilotversion veröffentlicht. In den kommenden Monaten werden wir mit der Pilotversion die Funktionsweise der Demokratie Starterbox mit Lehrpersonen und Lernenden gemeinsam testen und kontinuierlich verbessern. In 2026 werden wir dann die iterierte Version der Demokratie Starterbox in größerer Auflage drucken.

Wir freuen uns über Lehrpersonen, die Lust haben, die Pilotversion der Demokratie Starterbox mit uns zu testen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Interessierte Lehrpersonen können über dieses Formular ein kostenloses Exemplar der Demokratie Starterbox anfordern. Die Demokratie Starterbox ist ein langfristig kostenfreies Angebot für Schulen.

Im November 2025 erscheint das erste Modul: Hör mir doch mal zu! (Schwerpunkt: Dialogkompetenz & Meinungsbildung)

  • Für 2026 stehen schon folgende Module fest: Demokratie. Nein danke! (Schwerpunkt: Politikverdrossenheit & populistische Positionen)
  • Dein Smartphone weiß, was du willst. Weißt du es auch? (Schwerpunkt: digitaler Raum & Selbstbestimmung)

 

Eine ausführliche inhaltliche Beschreibung der Starterbox Demokratie finden sie im nächsten Blogbeitrag. 


Demokratie erlebbar machen – unser Beitrag auf adenauercampus.de

Mitbestimmung in der Schule ist kein „Nice-to-have“, sondern ein zentraler Baustein zeitgemäßer Bildung. Sie stärkt demokratische Kompetenzen, Selbstbewusstsein und Verantwortungsgefühl – und zeigt jungen Menschen: Deine Stimme zählt. Die Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt diesen Wandel mit innovativen Materialien, digitalen Lernformaten und Projekten wie der Demokratie Starterbox auf adenauercampus.de. Unser Ziel ist es, Demokratie im Schulalltag erlebbar zu machen – dort, wo sie beginnt: im Kleinen, im Klassenzimmer, im konkreten Mitgestalten.

 

Quellen:

Definitionen von Human Centered Design:

Harvard Business School

 

Anwendung der Methode im politischen/gesellschaftlichen Gestaltungskontext:

Double Diamond Process / British Council

Human Centered Design Toolkit IDEO

Nesta Tripple Diamonds

 

Human Centered Design:

Interaction Design Foundation (englisch)

About the author

Julius Werner ist Referent für digitale Bildung bei der Konrad Adenauer Stiftung e. V. und war zuvor in einer Agentur für strategische Kommunikation für verschiedene Bundesministerien tätig. Er studierte Allgemeine Rhetorik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften in Tübingen und Bologna.