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Politsnack

Gefahren von TikTok - wenn Politik viral geht

Wenn das hier ein TikTok wäre, dann hätten Sie sich schon entschieden, ob Sie das Video schauen oder nicht. Denn mehr als zwei Sekunden geben Sie mir nicht. Kein Wunder also, dass das Thema Politik im Vergleich zu Fußball, Tanzen und Katzen eine relativ untergeordnete Rolle in den sozialen Medien spielt – oder etwa doch nicht?

Dieser Artikel soll einen kurzen Einblick geben in das schwierige Verhältnis zwischen Politik und Social Media. Dabei konzentriert sich der Artikel auf die deutsche Parteienlandschaft und ein politisches Fallbeispiel eines viralen Videos. Zum Schluss gibt es zudem noch einige „Best practices“, wie man auch mit wenigen Ressourcen zu einer besseren Verbreitung von seriösem Politik-Content beitragen kann.

AfD – Absolut führend in Deutschland auf Social Media

Während allmählich immer mehr politische Stakeholder, von Bürgermeisterin bis Bundeskanzler, soziale Medien rege nutzen, so ist dort kaum ein Thema so verzerrt wiedergegeben wie Politik. Noch immer dominiert etwa die Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) den Diskurs auf Facebook, TikTok & Co.

Die rechtsnationale Partei hat plattformübergreifend über 2,3 Mio. Followerinnen und Follower. Auf Facebook ist sie mit großen Abstand der einzige Follower-„Millionär“, auch auf TikTok und YouTube ist die AfD ebenfalls einsame Spitze. Eine erst im August 2023 veröffentlichte Untersuchung der Agentur Intermate Group fand heraus, dass die AfD 41% all derjenigen erreicht, die einer Partei auf den genannten Plattformen folgen – ebenfalls ein absoluter Spitzenwert.

Anzahl der Followerinnen und Follower der genannten Parteien auf Social Media – Intermate Group August 2023


Warum kann Politik dann doch so erfolgreich ankommen? Die Antwort ist mitnichten leicht zu beantworten. Dennoch gibt es klare Anzeichen, warum eine AfD besonders gut abschneidet: Während der Partei klassische Kommunikationswege wie Regierungsposten, aber auch jahrzehntelang eingespielte Strukturen fehlen, kann sie sich getrost auf sozialen Medien austoben. Dazu kommt auch die äußerst erfolgreiche Strategie der Partei: Wir nennen sie mal „PP“- Polarisieren und pauschalisieren. Die Beispiele findet man schnell: Am 8. August postet etwa Alice Weidel, Bundessprecherin der AfD, auf Instagram einen echauffierten Beitrag über die Vergewaltigung eines Tunesiers an einer Minderjährigen. Ihr im August, bei insgesamt zwölf Beiträgen, erfolgreichster Post mit über 18.000 Likes und 1.000 Kommentaren.

Im Kopf entsteht sofort das Bild von jungen Migranten-Horden, die sich ungeachtet des Rechtsstaats an Frauen vergreifen. Wut entsteht. Eine Emotion, die wiederum zu höherer Zustimmung (oder Empörung) und zu einer wahrscheinlicheren Interaktion mit dem soeben gesehenen Post führt. Dass Weidel sich hier bei einem für sie passendem Fall bedient, unterstreicht ein Blick in die Statistiken des Bundeskriminalamts: Hier werden für das Jahr 2020 bei 8.480 Vergewaltigungen 5.370 Tatverdächtige mit einem deutschen Pass erfasst. Über derartige Taten, immerhin mehr als 60 Prozent aller dokumentierten Fälle, hüllt sich die AfD in Schweigen. Gleiches gilt für einen sachlichen und lösungsorientierten Diskurs. In Fokus steht hier das Erregen von Emotionen – oder vereinfacht ausgedrückt: Stimmungsmache.

Virale Trends

Ganz abseits der parteilichen Bühne können aber auch politische Videos viral gehen, die ganz anderer Natur sind. Jüngstes Beispiel hierfür ist etwa der Moldauer Streamer „Nekoglai“ von Anfang Juli diesen Jahres: Dieser tanzte auf TikTok in (vermeintlichem) ukrainischem Armee-Outfit zum Song „Me gustas Tú“ von Manu Chao. Und das ging viral! Auf der vor allem bei jungen Menschen beliebten Plattform konnte der 23-jährige Content-Creator aus der Republik Moldau mit sechs Videos über 425 Mio. (!) Klicks generieren. Ungeachtet der pro-ukrainischen Botschaft wurde so ein (vermeintlich) junger Soldat zum TikTok-Star. Kriegspropaganda macht demnach keinen Halt vor der TikTok-Community, auch nicht in Deutschland. Deutsche Kommentare lauteten etwa „Er ist zu jung dafür…“ (4.593 Likes) oder „Stellt euch vor irgendwann kommen keine TikToks mehr L“ (1.106 Likes).

Der Streamer „nekoglai“ tanzt auf TikTok in Militärkleidung – Millionen schauen zu.


Eine objektive Einordnung des Videos oder eine konsequente Sperrung von Propagandavideos finden auf Social Media, insbesondere auf TikTok, nicht statt. Die Unübersichtlichkeit bei vielen unseriösen Video-Produzenten und die mögliche Verbreitung durch Fake News stellen hier unausweichlich ein großes Problem für alle Social Media Nutzer dar.

Anleitung zum besser machen

Ungeachtet seiner Tücken scheint das Thema Politik immer mehr Einzug in den sozialen Medien zu erhalten. Während die AfD unangefochten mit einer erfolgreichen Social Media Strategie die deutsche Parteienlandschaft dominiert, so schafft es gar geschickte Kriegspropaganda auf die Smartphones vieler deutscher TikTok-Nutzer. Was kann man also tun, um dieser politischen Beeinflussung vorzubeugen? Als Konsument sollte man stets ein waches Auge auf den Inhalten und deren Quellen liegen. Diese sollten kritisch hinterfragt und bei fehlender Seriosität nicht weitergeschickt werden.

Als politischer Amtsträger wiederum muss nicht davor zurückgeschreckt werden, selbst auf sozialen Medien aktiv zu werden. Angepasst an die gewünschte Zielgruppe können Facebook, Instagram oder TikTok spannende Möglichkeiten sein, über die eigene Arbeit zu berichten und eine treue Anhängerschaft zu gewinnen. Das sollten möglichst authentische und für die Zielgruppe interessante Beiträge sein – scheuen Sie sich nicht diese persönlich nach Feedback zu fragen! Und vielleicht gelingt es Ihnen dann, dass auch das vermeintliche „No-Go“-Thema Politik zum großen Renner wird…

Über den Autor

León Eberhardt ist politischer Content-Creator auf Instagram und TikTok ("politikneugedacht"). Er studiert im Master Zeitgeschichte und Medien in Wien, wo er sich auf die Entwicklung von Digitalisierung und Demokratie konzentriert.